Von Christian Schmidt-Häuer

im Dezember

Alle drei Monate bekommt die Sowjetunionaus dem Westen 40 Liter einer Flüssigkeitzugestellt, deren genaue Zusammensetzung streng geheim ist. Die braune Fracht mit exotischen Zutaten landet am Schwarzmeerhafen Noworossisk im Kubangebiet. Dort verschwindet sie in einem Gebäudekomplex mit der Aufschrift: "Die Partei ist der Verstand, die Ehre und das Gewissen der Epoche". Hinter diesem Aushängeschild mit dem Konzentrat der Leninschen Ideologie werden die 40 Liter verdünnt – sie selbst sind ein Konzentrat des amerikanischen Konsum-Mythos: Pepsico-Extrakt für Pepsi-Cola made in U.S.S.R.

Das 1974 fertiggestellte Werk in Noworossisk ist bisher wohl das einzige amerikanische Konsumsymbol der Welt, das mit Lenins und Breschnjews Porträts wirbt. Schon bald allerdings, wird die Fabrik nicht mehr allein dastehen. Auch in Moskau, Leningrad und Tallin werden demnächst Pepsi-Werke gebaut. Die beiden Supermächte schaukeln sich mit Pepsi-Boom und Wodka-Welle gegenseitig hoch. "Stolitschnaja" findet im Kompensationsgeschäft über die Vertriebskette der Pepsico-Inc. großen Absatz in den USA und hat dort schon den Whisky ausgestochen. Noch zahlt sich der Tauschhandel Durstlöscher gegen Feuerwasser für die Sowjetbürger nicht aus. Pepsi gibt es vorerst zu wenig, Stolitschnaja bleibt in der UdSSR schon seit langem nur für Ausländer und Privilegierte reserviert.

Das Werk in Noworossisk liefert in diesem Jahr 60 Millionen Flaschen aus. Die meisten werden für einen Stückpreis von etwas mehr als einer Mark umgerechnet in den Schwarzmeer-Kurorten verkauft. Das Endprodukt ist mit internationalen Zutaten gebaut; Der Extrakt nach geheimem Rezept wird aus Cork/Irland eingeführt. Die Abfüllanlagen lieferten zwei bundesdeutsche Firmen, die Flaschen kommen aus Kalinin an der Wolga. Pepsi-Etiketten sind kyrillisch, Kronenkorken und Kunststoffkästen werden von Moskauer und Leningrader Unternehmen hergestellt.

Anfangs gab es mit den Kronenkorken Probleme, heute heute es nur noch an Flaschen (Pfandpreis 30 Pfennige). "Von 50 Millionen Flaschen sind im letzten Jahr nur 30 Millionen zurückgekommen", rechnet Andrej Aganow vor, der kleine, drahtige Brauereidirektor von Noworossisk. Viele Millionen Flaschen sind vom Schwarzen Meer als Souvenir in alle möglichen Winkel der UdSSR und der Sowjetstuben gewandert. Das Flair der weiten Welt als Geist aus der Flasche mit dem Pepsi-Etikett.

Zwar beschwören die sowjetischen Massenmedien täglich grollend die ideologische Abgrenzung – aber gleichzeitig pflegen der etablierte Mittel-, stand und die in allen Moden westorientierte Großstadtjugend die Verbreitung der amerikanischen Konsummythen. Moskaus Anstrengungen in der Schwerindustrie und die Vernachlässigung des Konsumgütersektors auch im neuen Fünf jahresplan machen Amerika erst recht zum Land der Träume. Damit der Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit nicht zu kraß wird, importiert man Kostproben aus den USA – legal und illegab – während die eigene Konsumgüterindustrie mangels Investitionen eine eintönig graue Maus bleibt.