Von Gerhard Seehase

Der Griff in den Kleiderschrank hatte ungeahnte Folgen. Die Pastoren, die im Talar an der großen Demonstration gegen das geplante Kernkraftwerk in Brokdorf an der Unterelbe teilnahmen, standen plötzlich im Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik. Auf dem Brokdorfer er Demonstrationsgelände ernteten sie Hohngelächter, wurden sie bei ihrer Aufforderung zur Mäßigung von den Radikalen beschimpft ("Du blöder Pfaffe, wende Dich lieber an die Bullen als an uns"), rutschten sie unvermittelt in das Niemandsland zwischen den Fronten der Gewalt. Und sie blieben dabei ohne den Hauch einer Chance, in diesem militanten Spannungsfeld Gewalt zu verhindern.

Der Talar verfehlte seine beabsichtigte Wirkung, und selbst im Kollegenkreis der Evangelisch-Lutherischen Kirche überwog schließlich die Skepsis bei der Frage, ob diese Pastoren richtig gehandelt hätten, die Demonstration gegen das geplante Kraftwerk von Brokdorf in vollem Ornat mitzumachen.

Carl Malsch, Senior der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Hamburg, bewies immerhin Humor, als er sich dazu äußerte: "Pfarrer im Talar sind bei Demonstrationen overdressed."

Aber der Hamburger Bischof Hans Otto Wölber, der den Pastoren das Recht zur Teilnahme an Demonstrationen keineswegs abstritt, wurde in seiner Bußtagspredigt (in der Hamburger St.-Nikolai-Kirche) dann doch recht deutlich: "Lassen Sie mich noch ein Wort zu den Pastoren sagen, die dort einen Feldgottesdienst feierten und im Talar auftraten. Man kann das einerseits verstehen; aber andererseits sollte man fragen, ob man hier nicht in einen Orkan hineingeht, indem man auf die Außenstehenden nur so wirkt, daß mokante Gefühle geweckt werden, and daß man vielleicht sogar mißverstanden wird, als wolle man als Kirche Macht gegen Macht organisieren – was ja wohl nicht die Sache der Kirche ist, die von der Macht des Geistes auszugehen hat."

Die Diskussion ist in Gang gekommen. Der Hamburger Propst Dietrich Peters, kommissarischer Leiter der Evangelischen Akademie, fragte besorgt: "Der Talar bedeutet doch, daß man in ihm eine prophetisch-priesterliche Funktion erfüllen möchte, um den Menschen zu helfen und zu, schützen – war das in Brokdorf möglich, oder war das nur Naivität?

Und der Altonaer Pastor Johannes Andersen meinte klipp und klar: "In diesem Fall bin ich dafür, die Kirche im Dorf zu lassen; der Talar gehört nicht auf die Straße, sondern auf die Kanzel."