Rasant expandiert, rasch geschrumpft, eilig verkauft: Großfusion im Lebensmittelhandel

Übernahmen“, so hatte Willi Leibbrand, Herr über Verbrauchermärkte und Discount-Ketten, noch Ende August prognostiziert, „wird es in der Branche demnächst wohl noch eine ganze Menge geben.“ Günstige Gelegenheiten werde er sich dabei nicht entgehen lassen. Denn, so der Handelsherr weiter, „Familienunternehmen haben allein keine großen Chancen mehr.“

Leibbrand nutzte die Gelegenheit. Und günstig war sie wohl auch. Soeben gliederte Willi Leibbrand seinem expansiven Einzelhandelsunternehmen (Umsatz 1976: rund 2,2 Milliarden Mark) eine Supermarktkette an: die Frankfurter Latscha KG, Familienunternehmen seit 1882. Ganze zwanzig Millionen Mark, so kolportiert die Branche, muß Leibbrand für die 158 Latscha-Läden zahlen, in denen dieses Jahr rund 390 Millionen Mark umgesetzt werden.

Nach einem Interessenten freilich hatte Firmeneigner Dieter Latscha schon länger gesucht. Vor gut einem Jahr hatte es bereits einmal Sanierungsgespräche mit der Hamburger Edeka-Gruppe gegeben. Doch „mit uns“, so Leibbrand-Generalbevollmächtigter Klaus Wiegandt, „ging es ganz schnell.“ Nicht einmal vierzehn Tage benötigten die beiden Verhandlungspartner vom ersten Gespräch bis zur Einigung. Wiegandt: „Erst da haben wir gerüchteweise davon gehört, daß Latscha verkaufen will. Da haben wir ihn angesprochen.“

Die Leibbrand-Gruppe, an der seit 1972 die Kölner Rewe-Zentrale mit fünfzig Prozent beteiligt ist, sieht das Latscha-Netz mit 158 Lebensmittel-Filialen als eine „gute Abrundung für unser Ladennetz“ (Wiegandt) an. „Überschneidungen“, sagt der Leibbrand-Mann, „gibt es nicht.“ Und auch Vorstand und Aufsichtsrat der Kölner Rewe-Zentrale hatten keine Einwendungen. Erst am Donnerstag letzter Woche hatten die beiden Gremien in einer „sehr kurzfristig“ (so einer der Beteiligten) einberufenen außerordentlichen Sitzung in Lahnstein ihr Plazet gegeben.

Konkurrenten der Rewe Handelsgesellschaft Leibbrand, offene Handelsgesellschaft, so die ackurate Firmenbezeichnung, freilich sehen die Zukunftsaussichten der Latscha-Betriebe „durchaus geteilt“. „Der Erwerb von Latscha“, so ein Handelsmann, „könnte sich für Leibbrand als Bumerang erweisen.“ Gerade die von Leibbrand-General Wiegandt gepriesene gute Lage in den Innenstädten des Rhein-Main-Raumes sieht man bei Handelskonkurrenten als problematisch an. Vor allem in Frankfurt ist Latscha vorwiegend in der Innenstadt vertreten. Dort aber würden durch immer neue Bürobauten immer mehr Bewohner in die Randzonen und die weitere Umgebung verdrängt. Ein Kenner der Branche: „Die kaufen dann kaum noch in der Innenstadt.“

Der Rhein-Main-Raum ist ohnehin einer der am härtesten umkämpften Ballungsräume. Alle Großen der Einzelhandelsbranche, Massa, co op, Aldi, Tengelmann und Leibbrand, liefern sich mit ständigen Preisaktionen einen scharfen Wettbewerb. Die Gewinnsituation wird dabei für den traditionellen Lebensmittel-Einzelhändler immer schwieriger.

Das hat auch das Management von Latscha rechtzeitig erkannt. Innerhalb weniger Jahre expandierte das alteingesessene Lebensmittelunternehmen kräftig – vor allem in den Betriebsformen, die seit Ende der fünfziger Jahre im Einzelhandel noch bemerkenswerte Wachstumssprünge aufweisen können. Noch Mitte letzten Jahres wurde Latscha als „bedeutendstes Lebensmittel-Filialunternehmen in der Bundesrepublik“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) und „der bedeutendste deutsche Lebensmittelgroßhändler“ (Handelsblatt) gefeiert. Damals wurde der Gesamtumsatz der Gruppe auf über 800 Millionen Mark veranschlagt. Neben den Latscha-Filialen lenkten die Frankfurter 17 Selbstbedienungswarenhäuser unter dem Namen „Kauf Park“, Schnellrestaurants, Tankstellen und Autowaschstraßen. Latscha hatte 1970 eine 56-Prozent-Beteiligung am Remscheider Filialb’etrieb Adolph Schürmann und Anfang 1974 die Siegener Lebensmittel-Kette Rheika A. Sans KG ganz übernommen.

Doch die Rezession hinterließ auch bei der Latscha-Firmengruppe „deutliche Spuren“ (Lebensmittel-Zeitung). Schon Mitte 1974 klagte Dieter Latscha über „nur geringe Gewinne oder sogar Verluste“ bei einigen Unternehmensteilen. Vor allem „der traditionelle Filialbereich“, so der Firmenchef, habe „härter zu kämpfen“.

So hart, daß sich Latscha Ende 1975 von seiner Schürmann-Beteiligung trennte, um den Verkaufserlös „zur weiteren Expansion im Bereich der Kauf-Park-Warenhäuser sowie bei Rheika“ zu verwenden. Im August dieses Jahres schließlich verkaufte Latscha auch noch seine Kauf-Park-Häuser samt den Tankstellen und Autoservice-Betrieben an die Karlsruher Wertkauf Mann KG. „Es hat keinen Zweck“, so kommentierte Latscha seine Rückkehr zum angestammten Geschäft, „Probleme durch. Expansion zu überkleistern.“ Im Warenhausgeschäft, räumte der Lebensmittelhändler ein, habe er sich schwergetan. Sein Ziel: „Wesentlich bessere Umsätze in den bestehende Filialen.“

Doch so ganz scheint die Gesundungsaktion nicht gelungen zu sein. Denn Branchenkenner machen noch immer Schwachpunkte im kleingeschrumpften Unternehmen aus. So seien von den 158 Filialen an die dreißig „praktisch stillgelegt“ (ein Einzelhändler), weil unrentabel. Und vor allem auf der Zentralstufe seien die Kosten viel zu hoch: „Da ist es abenteuerlich.“ Die Konkurrenz will denn auch von einem Verlust in Höhe von 30 Millionen Mark bei Latscha wissen.

Gleichwohl „ist der Kaufpreis ein gutes Geschäft für die Rewe-Leibbrand-Gruppe“, wie ein Rewe-Sprecher betont. Mit der Übernahme der Filialen vom 55jährigen Latscha gewinnt der 44jährige Willi Leibbrand auf einen Schlag über eine Viertelmilliarde Umsatz hinzu. Ausgeprägte Exparisionslust hat den Sohn eines kleinen Lebensmittelhändlers schon immer gekennzeichnet. Vor sechs Jahren brachte es Leibbrand erst auf einen Umsatz von 140 Millionen Mark in diesem Jahr werden es 2,2 Milliarden sein, die er in seinen „toom“-Selbstbedienungswarenhäusern, der Lebensmittel-Discount-Kette „penny“, „bon“-Märkten und „HL“-Läden erlöst. Vom Regionalhändler ist in nur wenigen Jahren ein national präsenter Betrieb geworden – von Neumünster bis München.

Seit Ende 1974 hat Willi Leibbrand auch einen starken Finanzier für seinen Expansionsdrang hinter sich: die Rewe-Zentrale, die 31 Millionen vom 49 Millionen Mark betragenden Kapital der Rewe Handelsgesellschaft Leibbrand oHG einzahlte. Obendrein verpflichteten sich die Kölner, in den kommenden fünf Jahren weitere hundert Millionen in die gemeinsame Gesellschaft einzubringen. Doch beim Verdienen machen die Partner halbe-halbe. Und das Sagen hat Leibbrand allein.

Der Porsche-Fahrer, der aus Angst vor Entführung keine Photos von sich veröffentlichen läßt, kommentiert denn auch selbstbewußt den nahezu mörderischen Wettbewerb im Einzelhandel: „Wir, Karstadt und Aldi werden überleben.“

Gunhild Freeie