Der Fall des Theologie-Studenten Maurice Bavaud / Von Rolf Hochhuth

Jakob Burckhardt sagte einmal, im Thukydides könne eine Tatsache ersten Ranges stehen, die erst in hundert Jahren jemand bemerken werde. Vielleicht konnte erst die apokalyptische „Flurbereinigung“, die durch Hitlers Krieg über Alteuropa hinfegte, uns die Augen dafür öffnen, daß die stoische und zeitwidrige Geschichtsauffassung des Berliner Studenten im Vormärz, eben Burckhardts, den Stil auch eines neuen Dramas vorausformulierte, der verbindlich noch für uns heute ist: Stücke, die zwar nicht „die Gesetze der ewigen Moral, die zu allen Zeiten gilt, absichtlich übersehen“, die aber „eine höhere, poetisch reichere Art“, eben die illusionslose der Geschichtsbetrachtung, einbeziehen, Stücke, in denen zur Hauptsache werden die Darstellungen der von der Geschichte aufs Rad geflochtenen einzelnen, die im Zeitalter der Wehrpflicht ja tatsächlich nur mehr in den seltensten Ausnahmefällen aus freien Entschlüssen in die Räder der historischen Prozesse einzugreifen versuchen, um dann meist von den Vernichtungsmaschinerien zerrissen zu werden.

Logisch, daß Walter Muschg in seiner Schiller-Rede zum 200sten Geburtstag darlegte, wie im heutigen Krieg zwischen Freiheit und Barbarei allerdings einer Tell-Sage kein Fest-Spiel, sondern nur mehr eine Tragödie abzugewinnen ist, das Drama als Trauerspiel. Walter Muschg sagte das in Basel, ohne zu wissen, daß in dieser Stadt 21 Jahre zuvor tatsächlich ein Teil von heute die Pistole gekauft hat, um Hitler zu erschießen, und daß dieser Eidgenosse, Maurice Bavaud, am 18. Mai 1941 in Berlin enthauptet wurde.

Ein Platz auf der Ehrentribühne

Am Totensonntag besuchte ich in Boudry, einem Dorf bei Neuchâtel, die 86jährigen Eltern und die Schwester von Maurice Bavaud; sah auch sein Geburtshaus, siebzig Meter entfernt von drei herrlichen Altstadtbrunnen in Neuenburg; idyllischer kann niemand zur Welt kommen, behüteter als in dieser Briefträgerfamilie mit fünf Geschwistern niemand aufwachsen; geliebt, als Maler begabt schon mit zwölf; groß, schön wie ein von Homer gezeichneter junger Krieger, ob-– gleich der Onkel, Theologe, ihn stets mit „Pazifist“ statt mit Vornamen anredete. Maurice wird Mechaniker, weil sein Vater das will – aber dann liest er ein Buch über Kongo-Missionare und geht nach Frankreich auf ein Priesterseminar. „Er war immer“, erinnert sich die Schwester, „auf der Suche nach einem Ideal.“

Wir heute, glückverdummt durch Frieden, sind leicht versucht, eine solche Sagenfigur, die im Alter von zweiundzwanzig Jahren aufbricht, um den Mann zu töten, der ein Jahr später eine Kriegslawine lostritt, die 56 Millionen Menschen erschlagen wird –, wir sind versucht, diesem Studenten Mangel an Realismus vorzuwerfen. Zu Unrecht! Denn genau dies zu genau diesem Zeitpunkt plante auch der Chef der britischen Artillerie, Brigadegeneral MacFarlane, damals Militärattache in Berlin; Sir Mason wies nach, daß die Herkunft eines Blattschusses auf die schauerlichste Figur der überlieferten Geschichte während einer der musikzerlärmten Führerparaden – die Tribüne war gegenüber der Wohnung MacFarlanes – niemals rekonstruierbar sei. Aber dieser Schotte besprach, anders als der Schweizer Student, seinen Entschluß nicht allein mit seinem Gewissen, der einzigen Instanz, die ihm seine Tat nicht hätte verbieten, müssen, sondern in der Downing Street; und sie ward ihm verboten...

Die zwei Deutschen Elser und Stauffenberg, deren Bomben immerhin einige Nazis aus der windstillen Mitte des Taifuns (wie Felix Hartlaub Hitlers Umgebung nannte) zerfetzten, hatten beide sehr solide Chancen, unerkannt zu entkommen – nicht aber dieser Neuenburger: Als er nach ungetrübten Ferienwochen mit den Seinen aufbrach, in Basel sein Geld in 555 Mark umtauschte, da wußte er mit absoluter Sicherheit, daß er abreiste in seine eigene Vernichtung. Ja, er war realistischer als die beiden Bomben-Zünder. Denn da Staufenbergs Bombe, obgleich unter Hitlers Tisch explodiert, nicht den Diktator zerrissen hatte, sagte der Feldmarschall Rommel, der dann Gift nehmen mußte: „Hat man denn keinen Hauptmann mit einer Armee-Pistole gehabt?“ Nein, mit Pistole gab es keinen Deutschen, gab es nur diesen Eidgenossen! Und es gab ihn sechs Jahre früher als den Zünder der deutschen Generalstäbler...