Eine neue Geschichte von Jurij Trifonow

Von Reinhard Baumgart

Das gibt es also noch: ein neues Buch wird aufgeschlagen, und nach drei, vier Seiten bewegt man sich in ihm wie in einer alten Heimat. Denn Jurij Trifonow hat die Serie seiner Moskauer Erzählungen aus immer ähnlichem, man darf schon sagen, aus dem immer gleichen Stoff geschrieben. Wer also die beiden auf (west-) deutsch schon vorliegenden Geschichten ("Der Tausch" und "Langer Abschied"; ZEIT vom 4. Juni 1976) gelesen hat, der läuft in jeder neuen in lauter Wiedersehen. Immer wieder treten Familienclans gegeneinander an, werden; Schwiegermütter zum Problem, tote oder sterbende Väter zu Denkmälern der sowjetischen Geschichte, auf morschen Datschen oder der sommerlichen Krim brütet die Sonne, alles strampelt und watet in den unsichtbaren Netzen von Beziehungen und Intrigen, Dienstreisen werden zu Glücks- und Fluchtfahrten, Auslandsreisen verklären sich zu Gnaden- oder Sündenerfahrungen

Was für ein Dschungel an Fakten, Namen, Anspielungen, wieviel Erzählstoff auf knappstem Raum. Auch Trifonows neueste Moskauer Novelle, diesmal Roman genannt, spannt einen Bogen von den fünfziger bis in die siebziger Jahre, mit kurzen Rückgriffen auf Revolutions- und Stalin-Zeiten –

Jurij Trifonow: "Das andere Leben", Roman, aus dem Russischen von Alexander Kaempfe; C. Bertelsmann Verlag, München, 1976; 207 S., 24,80 DM.

Eine Witwe von vierzig Jahren versucht nachzudenken über ihren gestorbenen Mann, es entsteht die Beschreibung eines Verlustes, des Verlustes einer Last und einer Liebe. Diese Olga Wassiljewna muß loswerden, was bis jetzt "ihr Leben" war, loswerden durch Erinnerung. Erst dann könnte "Das andere Leben" möglich werden.

Wieder also erzählt Trifonow eine Moskauer Privat- und Liebesgeschichte tief unterhalb aller offiziellen sowjetischen Geschichte. Held dieses fast zwanzigjährigen Gefühlsdramas war Sergej oder Serjosha, sein Opfer Olga Wassiljewna: So traditionell sind da Männer- und Frauenrollen verteilt. Auch dieser Sergej ist für Trifonow-Leser wie ein guter alter Bekannter, wieder einer dieser unerreichbaren, hamletischen Intellektuellen, albern und vergrübelt, vehement unentschieden, sehr liebenswert, doch für alle Liebe zu fern, ein brillanter Versager in allen Lebensbereichen. Die ersten Jahre nach der Universität hat er in Träumereien und rätselhaftem Unernst verbummelt Dann, endlich an einem Forschungsinstitut, wirft er sich mit gleich unheimlichem Überernst in eine Arbeit über den zaristischen Geheimdienst kurz vor der Februarrevolution 1917. Die Sache wuchert und wuchert, offenbar ins Unendliche. Sergej wühlt sich in die russische Geschichte, als hinge davon sein Leben ab und nicht bloß seine Karriere, der ohnehin verspätete Doktortitel.