Nach einem langen und blutigen Wahlkampf, der über 200 Menschenleben forderte, haben die zwei Millionen Jamaikaner in der vorigen Woche abgestimmt. Regierungschef Michael Manley errang einen überwältigenden Sieg.

Auch in den nächsten fünf Jahren wird Manleys „Nationale Volkspartei“ (PNP) mit 49 von 60 Parlamentssitzen ihren 1972 begonnenen sozialistischen Kurs fortsetzen. Die oppositionelle „Jamaica Labour Party“ (JLP) unter Ex-Finanzminister Edward Seaga konnte sich mit ihrer Unterstellung, Ministerpräsident Manley sei offen in das Lager Fidel Castros abgeschwenkt, nicht durchsetzen, sie verlor im Gegenteil weitere Stimmen (1972: 44 Prozent).

Der Vorwurf marxistischer Ausrichtung hatte die Auseinandersetzung angeheizt. Extremisten von beiden Seiten ersetzten Argumente durch Gewehre und Dynamit; der Regierung gelang es, trotz Verhängung des Ausnahmezustandes im Juni 1976 und drastischer Strafen für Waffenbesitz nicht, die Gewalttätigkeiten zu beenden. Dabei glaubten die beiden Parteien genau zu wissen, wer die Gegenseite mit Munition und Geld unterstützte: Die PNP – getragen von den unteren Schichten, der unteren Mittelklasse und Intellektuellen – vermutete eine zweite „Destabilisierungskampagne“ der CIA (nach chilenischem Vorbild); für die JLP, Vertreterin der Mittelklasse und Wirtschaft, belieferte Kubas Fidel Castro den politischen Gegner.

Für beide Vermutungen gibt es Hinweise, aber keine Beweise. Richtig ist, daß Manleys Politik tiefgehender Sozialreformen die dünne Oberschicht verschreckt hat. Nach einer Erhöhung der Steuern und Abgaben für die ausländischen Bäuxitförderer um 800 Prozent – Jamaika ist der wichtigste westliche Lieferant dieses Aluminiumrohstoffes – und der erzwungenen Staatsbeteiligung an den nordamerikanischen Multis setzte eine Kapitalflucht ein; schätzungsweise 400 Millionen Dollar flossen illegal ins Ausland ab. Da gleichzeitig der Preis für Exportgut Nr. zwei, den Rohrzucker, stark gefallen ist, überdies wegen der Unruhen der Touristenstrom verebbte, schnellte die Arbeitslosenzahl auf 25 Prozent. Jamaika erlebt die schwerste Krise seit 1962, als Großbritannien nach 307 Jahren seine Kolonie in die Unabhängigkeit entließ.

Manley begann eine energische Reformpolitik: Landreform, Verbesserung der medizinischen Fürsorge, Ausbau des Schulwesens, Anhebung der Mindestlöhne. Zu diesem Zweck holte er kubanische Fachleute ins Land – die Schätzungen schwanken zwischen 200 und 2000 – und beantwortete die Proteste der Opposition mit dem Satz, das alte System habe nur einer Minderheit die Ausbeutung der Mehrheit gesichert. Nicht so deutlich, aber unmißverständlich genug klagte er die nordamerikanische Presse an, ihn zu einem Satelliten Kubas abzustempeln und damit das Geschäft der um ihre Gewinne fürchtenden Multis zu betreiben, die auf Jamaika über eine Milliarde Dollar investiert haben.

Unter der schwarzen, wirtschaftlich benachteiligten Mehrheit gäft es seit langem; ihr verdankt Manley seinen unerwartet hohen Wahlsieg. Doch seine sozialen Reformen, die unter dem Druck der Finanzmisere ohnedies eingeschränkt werden mußten, können den Vorwurf nicht rechtfertigen, er betreibe eine kommunistische, prokubanische Politik. Außenpolitisch steuert Kingston einen „karibischen Kurs“, der allerdings darauf ausgerichtet ist, die Abhängigkeit von den USA zu mildern (Freihandelszone, Karibische Flotte, Karibische Gemeinschaft). Kuba betrachtet diese Politik wohlwollend, nicht zuletzt deshalb, weil es an diesen Organisationen beteiligt ist und damit seine außenpolitische Isolierung in der Karibik zu durchbrechen sucht.

Manleys erste Reaktion auf seinen Erfolg war die Aufforderung an alle Jamaikaner, die Arbeit wieder aufzunehmen. Er verkniff sich jeden Hinweis auf die Anklage seines Rivalen Seaga, der beste Beweis für Manleys kommunistische Neigungen sei die Tatsache, daß auf Jamaika keine Wahlen mehr stattfinden würden.

Horst Bieber