Wenn sie sich ärgert, spannt sie das Kinn und macht einen schmalen Mund. Und wenn sie lacht, kneift sie die Augen zusammen. Die Phasen dazwischen überspringt die Eiskunstläuferin Gerti Schanderl meist. Unter dem Sternzeichen Waage geboren, ist sie ein Waage-Mensch, dessen Stimmungsschalen sich mitunter in atemberaubender Geschwindigkeit wechselweise heben oder senken.

Bei der deutschen Meisterschaft vor zwei Wochen in Garmisch-Partenkirchen blieb ihre Kür ungewöhnlich blaß, und Gerti Schanderl mußte befürchten, von ihren Konkurrentinnen Dagmar Lurz und Garnet Ostermeier noch aus dem Aufgebot für die internationalen Meisterschaften – etwa die Europameisterschaft Ende Januar in Helsinki – gedrängt zu werden. Sie stand an der Eisbahn und erwartete das Ende ihrer Karriere, denn mit 20 hat man im Eiskunstlaufen keinen Winter mehr zu verschenken. Und in den folgenden 45 Minuten lief der Film ihrer unruhigen Laufbahn noch einmal vor ihr ab.

Da war der 10. März 1974; Hätte Gerti Schanden damals wie Lord Byron ein Tagebuch geführt, sie hätte diese Eintragung übernehmen können: Ich erwachte und fühlte mich berühmt. Das war der Tag nach der Weltmeisterschaft von München, als sie, vom Jubel umtost, selbstvergessen auf dem Eis stand, immerzu knickste und ihren Erfolg wie die ihr zugeworfenen Blumen von der Eisfläche auflas. Das unbekannte Münchner Vorstadtmädchen aus Aubing war plötzlich die viertbeste Eiskunstläuferin der Welt.

Ein Jahr später stand Gerti Schanderl abermals am Wendepunkt. Diesmal jedoch nicht als junge Heldin, sondern als tragische Figur des Eistheaters. Verletzungen, Übergewicht und ein Eislaufverband, der nicht sie, sondern ihre Konkurrentin Isabel de Navarre favorisierte, brachten sie um die deutsche Meisterschaft. Bei den anschließenden Europameisterschaften von Kopenhagen fiel sie, die den Fuß schon zum Schritt aufs Siegertreppchen erhoben hatte, zurück ins Mittelmaß.

Nach neun gleichförmigen Trainingsjahren hatte Gerti Schanderl ein Leben entdeckt, das nicht von einem 30 mal 60 Meter messenden Eisgeviert begrenzt war. Aus dem herzig-deftigen Mädchen war ein koketter, manchmal schnippischer, von der eigenen sportlichen Entwicklung überholter Teenager geworden. Viele haben ihr diese Zwischenstation auf dem Weg vom Backfisch zur jungen Frau nicht verziehen. Preisrichter ließen sie fallen, weil sie sich nicht mehr so leicht etwas sagen ließ, Funktionäre beklagten ihre kesse Tonart. Man hätte dies als Extravaganz eines Stars vielleicht noch hingenommen, wären nicht sportliche Schwächen plötzlich hinzugekommen. So aber folgte die im Eiskunstlauf übliche Reaktionskette: Blöße – Breitseite – Blattschuß. Die nächste Dame! Die Laufbahn Schanderl schien zu Ende. Doch bei den deutschen Meisterschaften 1976 gewann sie abermals und diesmal völlig unprogrammgemäß den Titel, ehe sie bei der Europameisterschaft in Genf in einen trüben Nervenkrieg manövriert und nach einem zehnten Platz aus dem Aufgebot für die Olympischen Spiele gestrichen wurde.

Der Stimmungsvulkan Gerti Schanderl schleuderte seine letzte Eruption auf das Eis: „Ich höre auf, ich habe die Nase voll!“

Und dann lief sie doch weiter. Mittlere Reife, ein bißchen Schreibmaschine und Stenographie – für Berufsziele hatte die Eisbahn keine Zeit gelassen. Um sechs Uhr aufstehen, um sieben aus dem Haus, zweimal umsteigen, S-Bahn, U-Bahn, acht Uhr Training im Eisstadion. Abends kommt sie gegen acht todmüde heim. Es sei schwer, sich von diesem Rhythmus zu lösen, sagte sie im vergangenen Herbst. Aber sie meinte gar nicht den Rhythmus, sondern das Leben, das diesen Rhythmus bestimmt.

Ihr neuer Trainer, Manfred Schnelldorfer, hat mit sanftem Druck ihren Blick über die Eisbahn hinausgelenkt. In Garmisch-Partenkirchen sprach Gerti Schanderl erstmals vor einem Wettkampf vom möglichen Mißerfolg, von dem Gedanken, sich auf einen Beruf vorzubereiten. Und sie bekannte, daß sie diesen Gedanken bisher verdrängt habe und daß sie froh sei, diesen Schritt nun gehen zu können.

Das war zwei Tage vor jenen 45 Minuten Warten, die sie als „das Schrecklichste des ganzen Winters“ bezeichnete.

Das vorläufige Ende der Geschichte der Eiskunstläuferin Gerti Schanderl ist bekannt: Sie wurde Zweite. Sie wird in der kommenden Woche bei den Europameisterschaften in Helsinki und Anfang März bei den Welttitelkämpfen in Tokio starten.

Uwe Prieser