Von Horst-Dieter Kreidler

Natürlich trifft dieser metrische Bannstrahl nicht Berti Vogts, den kleinen Verteidiger aus Mönchengladbach, dessen großes Können die Fußballnationalmannschaft noch lange nicht wird entbehren können. Vielmehr aber auf zukünftige Nationalspieler in einem Mannschaftsspiel, bei dem ein 2,43 m hohes Netz die gegnerischen Spieler trennt. Für einen erfolgreichen Schmetterschlag beim Volleyball und für eine wirkungsvolle Blocksicherung müssen Spieler von nationalem Format offensichtlich dieses Gardemaß überschreiten, doch auch in den unteren Klassen spielen fast ausnahmslos, eben in Anpassung an die Netzhöhe, nur noch die „langen Kerls“.

Unter den Anwärtern für die neu aufzubauende Nationalmannschaft im Hallenhandball finden sich junge Leute mit noch ganz anderen Körpermaßen: 2,15 m mißt der neue Torwartriese Bartke, 2,03 m beziehungsweise 2,04 m messen die Feldspieler Weiß und Wunderlich. Noch weniger verwundern natürlich die großgewachsenen Spieler bei den Basketballern, denn vom Hallenboden zur Oberkante des Basketballkorbes sind es immerhin 3,05 m. Erfolgreiche Rebound-Spieler und Distanzwerfer brauchen diese Länge. So betrug denn die Durchschnittsgröße der jugoslawischen Basketballer im Endrundenturnier von Montreal 1,99 m. 1,98 m groß waren die amerikanischen Spieler im Durchschnitt. Der russische Center-Spieler Katschenkow maß 2,20 m, seine Kollegin in der Damenmannschaft endete erst bei 2,10 m, ihre Beweglichkeit allerdings wesentlich früher. Didi Keller, der Center des USC Heidelberg, spielt mit seinen 2,18 m fast schon nicht mehr unter dem Korb, ist beim Rebound wirklich der überragende Mann. Die Durchschnittsgröße der Endlaufteilnehmer über 400, 800, 1500 Meter und über die beiden Langstrecken in Montreal war 1,83 Meter, diejenige der schnellsten Krauler in Montreal 1,85 Meter. Der Selektionsdruck im Hochleistungssport wird dadurch eindrucksvoll demonstriert. –

In einem ZEIT-Artikel vom 16. Juli 1976 hatte Christian Graf von Krockow neben Leistung und Konkurrenz vor allem die Gleichheit (als soziale Gleichheit) als Prinzipien des Sports beschrieben. „Denn die Ermittlung einer Höher- und Höchstleistung, sei es in der Arena, sei es im Bereich der Wirtschaft, setzt ja nicht nur die technische Vergleichbarkeit der Leistungsbedingungen und die Einheit des jeweiligen Leistungsmaßstabes voraus, sondern Zugleich die formelle Gleichheit derer, die miteinander in den Wettbewerb eintreten oder eintreten könnten.“

Hier soll von der Einheitlichkeit des Leistungsmaßstabes, von Standardisierung und Normierung, die Rede sein, von ihren Möglichkeiten, aber auch Folgen. Ohne die überall gleichen Bedingungsfaktoren (zum Beispiel Spielfeldmaße, Netzhöhe, Kugelgewicht, Wurfkreisdurchmesser, Wettkampfregeln) wäre die weltweite Faszination des Sports gar nicht denkbar, die Identifikation des einzelnen mit den Spitzensportlern nicht möglich. In Island wurde eine Finale-Übertragung im Fußball aus Montreal ebenso wie in Australien verstanden, in Nairobi ein Weltmeisterschaftskampf im Boxen, und den geglückten Weltrekordversuch von Dwight Stones erkennt jeder. Ob zum Sportabzeichen oder zum Olympiasieg, der Kugelstoßring hat für jedermann und überall denselben. Durchmesser, jeder bewältigt dasselbe Kugelgewicht. Standardisierung war die Voraussetzung dafür, daß Coubertins Demokratisierungseffekt durch den Sport überhaupt erst wirksam werden konnte: „All sports for all.“

Für den Hochleistungssport, vor allem dort, wo nach Zentimetern, Gramm und Sekunden gemessen wird, hat diese Normierung und Standardisierung (auch bei Gewichtsklassen) dann Konsequenzen, wenn nur noch die absolute Leistung angestrebt wird. Erste Anpassungserscheinung an diesen Ausleseprozeß der Besten ist das tägliche Training: Werden Antrittsschnelligkeit, Sprungkraft und Koordinationsvermögen sinnvoll trainiert, können Leistungen von internationalem Rang erreicht werden. Zur Illustration: Der deutsche Jugendmeister im Dreisprung ist 1,85 m groß, läuft die 100 m in 11,2 sec und springt 7,35 m weit.

Zweite Anpassungserscheinung: Die neue Flop-Technik im Hochsprung erfordert mit ihrem speziellen Bewegungsmuster einen ganz bestimmten Typ von Athleten: hochaufgeschossen, schmale Hüften und sehr kleines Becken. Die junge Olympiasiegerin von München, Ulrike Meyfarth, und der junge polnische Olympiasieger von Montreal, Jacek Wszola, sehen sich in ihrem Körperbau wie Zwillinge ähnlich. Bei der Vorauswahl zur Förderung junger Talente achtet man überall auf diese spezifischen Voraussetzungen.