Von Karl-Heinz Janßen

Alltäglich ist es nicht, daß jemand zuerst im Rundfunk von seiner bevorstehenden Entlassung erfährt. Generalmajor Dr. phil. Eberhard Wagemann, Kommandeur der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg-Blankenese, gab gerade einen Neujahrsempfang, als der NDR die Meldung in den Äther jagte, Bundesverteidigungsminister Leber wolle den umstrittenen Offizier zum 31. März, anderthalb Jahre vor der Zeit, in den Ruhestand versetzen. Der Schwerkriegsbeschädigte, sensible Offizier muß für einen Augenblick seinen Glauben an die Weltordnung und an seinen Minister verloren haben, war ihm doch im Herbst in Bonn zugesichert worden, er solle die Akademie bis Ende September weiterführen.

Georg Leber ließ die Meldung sofort dementieren. Aber nun zeigte sich, wie sehr der Minister seit der unseligen Affäre um die Generale Krupinski und Franke an Vertrauenswürdigkeit eingebüßt hat. Allzu vielen schien das Dementi suspekt. Tatsächlich war Wagemann bereits im letzten Frühjahr für die vorzeitige Pensionierung in Aussicht genommen worden – zum April-Termin. Wäre nicht Bundestagswahljahr gewesen, hätte sich Leber wohl gleich des lästig gewordenen Generals entledigt, der ihm, so Leber zu Bild, „öfter Sorgen gemacht (hat) als irgendein anderer General“. Anscheinend hat man’s sich auf der Hardthöhe gegen Ende des Jahres anders überlegt, weil der für die Nachfolge in Blankenese vorgesehene General noch für längere Zeit als Gehilfe des neuen Generalinspekteurs in der Bundeswehrführung benötigt wird. Von dieser Sinnesänderung wollen aber weder Lebers Pressesprecher Armin Halle noch jene Abgeordneten der Koalition etwas gewußt haben, die mit Leber öfters zusammenkommen.

Man könnte über derlei Marginalien hinwegsehen, hätte nicht der Minister am Montag durch sein Bild-Interview die Sache erst schlimm gemacht: Nun stand auf einmal doch der Entlassungstermin (30. September) fest, der angeblich in der Vorwoche noch unbestimmt war. Im übrigen gehe es gar nicht um Wagemann, meinte der Minister, sondern er selber, Leber, solle „fertiggemacht werden“ – von wem, blieb offen. Das sind Spiegelfechtereien. Es geht um beide – um den Kommandeur, der eine nicht von ihm erfundene Strukturreform in der Führungsakademie praktizieren mußte und dabei nicht immer eine glückliche Hand hatte, und um den Minister, der diesen Kommandeur ausgesucht und intern auch gestützt, gegen öffentliche Kritik aber nicht genügend geschützt hat.

Seit Jahr und Tag wird Wagemann von seinen Gegnern als Offizier „streng konservativen Zuschnitts“, als „Traditionalist“, als „restaurativ“, ja als „reaktionär“ hingestellt, als Antityp jenes modernen, kooperativ denkenden Offiziers, wie ihn sich die Wortführer der sozial-liberalen Mehrheit im Verteidigungsausschuß vorstellen. Der kränkendste Vorwurf wurde vorige Woche erhoben: Wagemann sei ein ungehorsamer General und werde deshalb zu Recht gefeuert.

Seltsamerweise werden diese Etiketts einem Manne angehängt, der sich mit Fug und Recht zu den Reformern zählen darf und sich fortwährend an die Befehle seiner Vorgesetzten gehalten hat. Wenn Wagemann ein Traditionalist ist, dann sind es Helmut Schmidt und Professor Ellwein ebenso, denn deren Bildungsreform hat General Wagemann ausgeführt. Er hat als Mitarbeiter der Reformergruppe um Baudissin, de Maizière und Kielmannsegg wesentliche Teile des Konzepts der Inneren Führung und des Programms für Erziehung und Bildung mitentworfen und erprobt, zunächst im Führungsstab des Heeres, dann der gesamten Streitkräfte. Unter christlich-demokratischen Ministern galt er folgerichtig als „Linker“. Verteidigungsminister Helmut Schmidt holte ihn nicht von ungefähr als Unterabteilungsleiter Fü S I (Innere Führung, Personal) auf die Hardthöhe zurück. Als Divisionskommandeur in Unna sorgte Wagemann für ein Novum in der deutschen Militärgeschichte: Er lud den Vorstand der IG Bergbau ins Kasino ein.

Als der Generalmajor im Herbst 1974 sein Amt in Blankenese übernahm, traf er eine schwierige, konfliktreiche Übergangssituation an. Kurz zuvor war die Akademie aus einer reinen Generalstabsschule in die zentrale Ausbildungsstätte der sogenannten Fortbildungsstufe C umgewandelt worden, in der sowohl Hauptleute und Kapitänleutnante zum Stabsoffizier als auch Stabsoffiziere zum General- oder Admiralstäbler ausgebildet werden. Wagemann mußte sich in eine Verfassungsstruktur einfügen, worin die eigentliche „Macht“ dem Direktor für Ausbildung, Forschung und Lehre und dessen Stab zufiel, während dem Kommandeur nur noch wenig Entscheidungsmöglichkeiten blieben.