Das Thermometer an der Eingangspforte stand noch auf sieben Grad Celsius, als die Spitze des kilometerlangen Trauerzuges am späten Samstagnachmittag den Stoffeler Friedhof erreichte. Schalmeien spielten, und linde Lüfte fächelten mit roten Fahnen. Im Arbeiterviertel Bilk rekelten sich die Zuschauer in offenen Fenstern, als wär’s schon Rosenmontag oder Erster Mai. Kaiserwetter, hätte man gesagt in jenen Zeiten, als der Mann aufwuchs, der hier zu Grabe gebracht wurde: der Nietenwärmer, Bergmann und Arbeiterführer Max Reimann, einst steckbrieflich gesuchter Vorsitzender der verbotenen Kommunistischen Partei Deutschlands, seit ein paar Jahren Ehrenpräsident der geduldeten Deutschen Kommunistischen Partei.

Kaum jemand am Straßenrand zog den Hutvor dem rotbetuchten Sarg auf der schwarzen Mercedes-Lafette. Für derlei altväterliche Gesten hat unsere nüchterne Welt nichts mehr übrig. In der stadteigenen Philips-Halle (der Konzernname schreckte die Kommunisten nicht), wo der tote Parteiführer wie ein Staatsmann aufgebahrt wurde, sollte sich bereits am nächsten Tag der Karnevalsverein 1; Löschzug 52 Oberbilk zur Großen Herren-Sitzung einfinden. Trauermusik rieselte vom Band. Für private Trauer war kein Platz. Unerbittlich richteten sich Jupiterlampen und Kameralinsen minutenlang auf die zierliche Witwe und die beiden jungen Söhne, die ihre Mutter um mehr als Haupteslänge überragten.

Kommunisten haben kein Privatleben – diesem eisernen Grundsatz haben zumindest die Altgenossen ihren Tribut zollen müssen. Nicht der Mensch Max Reimann war bei diesem Trauerakt gefragt, nur das Idol. Geehrt wurde nicht der Kumpel Max, der in den Kohlenklauwintern nach 1945 an Ruhr und Rhein nicht weniger populär war als Kardinal Frings; nicht der Agitator Reimann, der mit feurigen Reden die Massen begeisterte; nicht der leiderfahrene, schwerkranke Ehrenvorsitzende, der mit seinen Erzählungen junge Genossen nächtelang fesseln konnte; nicht der Kurier „Erwin“, der in den Jahren der braunen Diktatur unter Todesgefahr die Genossen im Untergrund aufsuchte; nicht der treue Sohn des Volkes, der er sein und bleiben wollte. Phrasen verstellten den Zugang zur Person des Toten.

Ein strenges Protokoll, eine präzis laufende Parteimaschine verbannte die Empfindungen der Trauer und des Schmerzes. Pünktlich wie die Volksarmee vor dem Zeughaus wechselte die Totenwache. Gesammelter Ernst lag über der Menge, aber sie weinte nicht. Es sagt einiges über den Zustand des deutschen Kommunismus aus, daß einzig der Eurokommunist aus Italien bewegende Töne anschlug. Er sprach vom Glück der Begegnung mit dem international geachteten Veteranen; er allein nannte in einem Atemzug neben den Erfolgen auch die Niederlagen und Fehler.

Was hätten wohl die Scharen der Schüler, Lehrlinge, Studenten, die aus den entlegensten Gegenden, von der Schwäbischen Alb bis nach Ostfriesland, herbeigeeilt waren, was hätten sie dafür gegeben, wären statt übervorsichtiger Funktionäre, die sich vom zensierten Redetext nicht lösten, Menschen aus Fleisch und Blut vor sie getreten: einer von den „Moorsoldaten“, die mit Max Reimann hinter Stacheldraht saßen, einer von den Kumpels, die mit ihm vor Ort „malochen“ gingen, einer von den Abgeordneten, die mit ihm im Bundestag so oft vor leeren Bänken reden mußten.

Noch im Tode mußte sich Max Reimann der Parteidisziplin beugen, der er sich immer unterworfen hat. Ihm, dem nimmermüden Vorkämpfer für die Wiederzulassung jener Partei, deren Vorsitzender er so lange gewesen, ihm, der für diese Partei ins Gefängnis gegangen ist und Familienglück, Gesundheit, Heimat geopfert hat, ihm traute sich keiner, die Initialen „KPD“ über den Sarg zu hängen. Und doch – welch grandioser Abschluß eines Lebens, das vor mehr als 78 Jahren in der drangvollen Enge einer Elbinger Mietskaserne begonnen hatte. Wer hätte ihm, dem Sohn einer kinderreichen Arbeiterfamilie, dem Häftling im Konzentrationslager Sachsenhausen, dem verfemten und geschlagenen Parteivorsitzenden, dem von britischer und deutscher Polizei gejagten Illegalen, dem vereinsamten Flüchtling in Ostberlin prophezeien mögen, daß man ihm eine nicht weniger ansehnliche Trauerfeier wie dem großen August Bebel ausrichten werde und der Botschafter einer Weltmacht ihn zur letzten Ruhe geleiten würde? „Das muß man ihm ja lassen, er war beliebt hier“, sagte ein Verkehrspolizist. Nur – im Saale erstarrte die Liebe zum Genossen Max zu Papier.

Denn die DKP hatte anderes im Sinn. Sie wollte Stärke demonstrieren, wollte ihrem durch Wahlniederlage und Radikalenerlaß entmutigten Fähnlein Selbstvertrauen durch Solidarität einimpfen. Das macht einer so kleinen Partei so schnell keiner nach: sozusagen aus dem Stand an die zwanzigtausend Genossen aus dem ganzen Bundesgebiet mit Bus und Bahn an einem Punkt zusammenzuführen. Diese Leistung wird nicht geringer, wenn es nur 18 000 waren, wie das Düsseldorfer Polizeipräsidium meint, und kann auch nicht durch einen betriebsblinden Springer-Journalisten geschmälert werden, der nur die 6000 in der Halle zählte.