Frankreichs wichtigster Regisseur experimentiert jetzt mit Video

Von Wilfried Reichart

I

Der Mann mit den dunkel getönten Brillengläsern, der in der kleinen Halle des Flugplatzes von Grenoble auf mich wartet, muß sich nicht vorstellen: Jean-Luc Godard, gerade 46 geworden, die Stimme so leise wie sein Lächeln, dunkelblauer Cordanzug, kleinkariertes Hemd ohne Krawatte, die Boyard mais im Mundwinkel. Auf der Fahrt in seinem kleinen Peugeot von dem 40 Kilometer außerhalb liegenden Flugplatz nach Grenoble erzählt er, daß er vielleicht in die französische Schweiz übersiedeln möchte, nach Lausanne oder Genf, weil man dort leichter mit Produzenten und Geldgebern zusammentrifft. Früher, bevor er anfing, Filme zu drehen, hatte Godard schon einmal in der Schweiz gewohnt, um dem französischen Wehrdienst zu entgehen. Später ging er dann wieder nach Frankreich zurück, um dem Schweizer Wehrdienst zu entgehen. Doch seitdem hat er einen Schweizer Paß.

Godard lebt seit zwei Jahren in Grenoble, „einfach, weil es nicht Paris ist, weil die Leute einfacher sind, sympathischer, kleiner“. Und er fügt hinzu: „Doch sie stecken in Pariser Kleidern, die ihnen zu groß sind.“ Da wundert es nicht, daß Godard, der in Pariser Kleidern in die Provinz gekommen ist, sich in Grenoble allein fühlt. „Man verläßt es, aber Paris vergißt Sie niemals. So ist es hier mindestens unsere neue Einsamkeit. Das ist nichts Besonderes, aber immerhin ...“

II

Es gab eine Zeit, da trug Godard einen grauen Anzug und Krawatte und drehte mit Jean-Paul Belmondo, Anna Karina, Brigitte Bardot, Michel Piccoli, Eddie Constantine, Marina Vlady Filme, die viel Geld kosteten und die Godard zum umstrittensten, das heißt berühmtesten Regisseur des modernen Films machten. Dann zog er eine olivgrüne Militärjacke an und machte Filme politisch (was etwas anderes ist als politische Filme). Doch die wollte niemand haben. Und jetzt trägt er eben einen unauffälligen dunkelblauen Cordanzug, der ihm auch paßt, weil er sich nicht festlegen will. Denn da, wo die Gesetze schon gemacht sind, im Kino zum Beispiel, will sich Godard nicht einrichten. „Der Moment ist interessant, wo man Gesetze diskutiert, wo man Vorschläge hat, wo man Gesetze entwickelt.“