Nachdem Prinzing wegen Besorgnis der Befangenheit abgelehnt worden war, lauteten törichte Urteile: An diesem Prozeß wäre jeder deutsche Richter gescheitert; diese unflätig räsonierenden Angeklagten hätten jeden Vorsitzenden geschafft. Aber als Prinzing abtrat, hatten die Angeklagten schon monatelang nicht mehr an der Verhandlung teilgenommen. Die Streßatmosphäre lastete deshalb so schwer auf dieser Hauptverhandlung, weil Prinzings Ehrgeiz und seine rechthaberische Verhandlungsführung die vorhandenen Probleme vervielfachten: Eine beruhigende Hand hatte dieser Vorsitzende nicht. Die meisten anderen Richter hätten auch diese schwere Arbeit vermutlich besser gemachtdafür gibt es Beweise in Berlin, Karlsruhe, Kaiserslautern und Düsseldorf.

Richter Prinzing sah Stammheim als einen Kreuzweg, den er für den Rechtsstaat gehen müsse, aber gefälligst mit Hilfe der Medien, die selbstverständlich seine Vorstellungen vom Strafverfahren zu teilen hätten. Der Prozeß mußte "durchgezogen" werden. Der Terminplan war für ihn das wichtigste Aktenstück.

Der riesenhafte Druck auf das Gericht löste sozialpsychologische Folgen aus, die aus den Richtern eine verschworene Gemeinschaft machten, die ihren Vorsitzenden überlange hielt. Eine Ablehnung Prinzings galt ihnen als Prestigeverlust; dies war derart lange ihr Argument, daß Prinzings Abgang nun wie ein Sturz aussieht, obwohl die normale richterliche Abstinenz bei Besorgnis der Befangenheit überhaupt nichts Ehrenrühriges an sich hat, im Gegenteil.

Es war ein atemberaubender Augenblick, als der Strafsenat in Stammheim am 174. Verhandlungstag ohne Prinzing den Gerichtssaal wieder betrat. Ein Aufschrei ging durch den Raum. Bleich von dem Kraftakt, den er soeben dem alten Vorsitzenden gegenüber geleistet hatte, als er ihm die Ablehnung eröffnete, verkündete der neue Vorsitzende, Eberhard Foth, den Beschluß und fragte Verteidiger Schily nach Anträgen. Plötzlich schien die Prozeßatmosphäre gereinigt, beruhigt, ein Wandel, auf den niemand mehr gehofft hatte.

Stammheim hat jetzt den letzten Verfahrensabschnitt zu bewältigen, jenen über die Glaubwürdigkeit des Belastungszeugen Gerhard Müller. Generalbundesanwalt Buback und der Chef des Bundeskriminalamtes, Herold, auch Müller selbst, werden als Zeugen erwartet. Foth, ein eher bedächtiger Richter, der nur einmal auffiel, als er vor Zorn über einen der Vertrauensverteidiger mit der Faust auf den Richtertisch hieb, wird zunächst keine Befangenheitsanträge zu befürchten haben, wenn er aus Prinzings Hinterlassenschaft lernt.

Rascher als bisher dürfte sich die Hauptverhandlung allerdings nicht bewegen. Die Verteidiger werden die Chance nutzen, neue Schwachstellen zu suchen. Überraschungen sind nun auch wieder zugunsten der Angeklagten möglich. Daß aber die Ankläger der Bundesanwaltschaft nach einigen Wochen in ihren Zusatzplädoyers Anlaß hätten, vom Strafantrag abzugehen, der dreimal lebenslang lautet, das ist kaum zu erwarten.