Von Lutz Irgel

Der Verfasser ist Sprecher der Geschäftsleitung eines Unternehmens der chemischen Industrie.

In Wirtschaft und Politik, in der Wissenschaft und bei den Beamten, in der Kunst wie auch in den sogenannten freien Berufen werden zunehmend die Messer gegeneinander gewetzt, herrschen karriere-motivierter "Kannibalismus" und ein Kampf aller gegen alle. Der Weg zur Spitze wird immer dornenreicher; nur selten ist er ein Pfad der Tugend. Gipfelstürmer bedürfen zuvorderst der Robustheit für den erfolgreichen Aufstieg. Nach dem harten Wettbewerb um die Gunst des Kunden nun totale Konkurrenz um Positionen?

Der Tatbestand ist eindeutig. Die Gründe sind’s nicht minder:

  • Soziologische Schranken sind niedergerissen. Jeder hat seine Chance. Der Erfolg ist nicht mehr durch das Elternhaus vorprogrammiert. Karrierebeflissene rekrutieren sich aus allen Bevölkerungsschichten.
  • Die Ausbildungselite drängt heute auf breiterer Front nach vorn. Universitäten und Hochschulen speien laufend Absolventen en gros aus, die sich als "geborene" Aufstiegsaspiranten verstehen. Noch vor wenigen Jahren wurden weite Kreise der Bevölkerung der Bildungsabstinenz gescholten, Förderungsprogramme in Gang gesetzt und das akademische Heil gepriesen. Inzwischen hat sich ein Bildungshunger eingestellt, der nicht gestillt werden kann.
  • Namentlich in der Wirtschaft – aber durchaus auch anderenorts – ist man "zusammengerückt" in größere Einheiten, hat man auf den oberen Rängen positionell gebündelt. Konzenoberen mithin nicht nur von Umsätzen und Finanzpotenz, sondern auch hinsichtlich Topjobs, deren Quantität also schmilzt. Hinzu kommt, daß auch Spitzenpositionen während der Krise "unter den Hammer" gekommen, das heißt wegrationalisiert worden sind.
  • Mittelstand und Freiberufler haben insbesondere unternehmerische Begabungen früher stark angezogen und somit vom Karrieremarkt absorbiert. Heute ächzt das "Fundament der deutschen Wirtschaft" unter dem Schwergewicht der Großen und setzt eher elitäre Emissäre frei: 1950 rekrutierten sich aus rund 50 Millionen Bundesbürgern 3,4 Millionen Selbständige, 1976 aus über 60 Millionen nur noch 2,5 Millionen. Allein im letzten Jahr hingen 46 000 die Selbständigkeit an den Nagel.

Die hieraus resultierende Invasion in Richtung "Chefsessel" steht unter einem leichten Gegentrend, der sich zum einen darin manifestiert, daß man realistischerweise nicht mehr nur Renommee und Verdienstmöglichkeiten in Spitzenpositionen sieht. Zunehmend werden auch die Qualität der Arbeit, qualitative Herausforderung und Streßbelastung erkannt. Fazit: höhere "Management-Weihen" sind für manche ob der damit verbundenen Verantwortung und Freizeitreduktion nicht mehr erstrebenswert.

Zum anderen geht eine gewisse Ventilwirkung von folgender Tatsache aus: Die Heterogenität. unsererer pluralistischen Gesellschaft bedingt immer wieder die Schaffung neuer Institutionen, die der Führung und Leitung bedürfen. Hier sei im politischen Raum auf supranationale Behörden, in der Wirtschaft auf neue Unternehmenszweige (z. B. Leasing-Firmen, Factoring-Banken, Software-Anbieter) und nicht zuletzt auf die nach Einführung der Mitbestimmung "geschwängerten" Aufsichtsräte hingewiesen.