Von Fritz J. Raddatz

Der Fall

Die Schüsse fielen in Düsseldorf. Am 14. Dezember 1972 gegen 12 Uhr mittags erschien in der Autovermietung CARE, Kaiserstraße/Ecke Scheibenstraße ein junger Mann, um einen Pkw zu mieten. Das Mietvertragsformular unterschrieb er mit "Volker Albertz", Paß und Führerschein, auf denselben Namen lautend, hatte er vorgelegt. Der gewünschte-Fiat 125 sollte eineinhalb Stunden später bereit stehen. Da die Firma erst jüngst einem Betrüger aufgesessen war, erkundigte sich ein Angestellter beim Straßenverkehrsamt Mönchengladbach und nach dessen Auskunft bei der Mutter des Paßinhabers. Ergebnis: Als der Kunde den Wagen in Empfang nehmen wollte, spielten zwei Kriminalbeamte Kunde und Vermieter bei dem Autoverleiher. Das "einen Augenblick noch" des richtigen .Vermieters und ein "dann hole ich mir noch ein paar Zigaretten" des jungen Mannes brachten den Kriminalmeister Lisken und den Kriminalobermeister Pollmann in Aktion; sie gaben sich zu erkennen, forderten die Papiere. Der "harmlose" Kunde zog eine 9-mm-Kaliber-Pistole, schlug sie Lisken über den Kopf und floh. Eine wilde Verfolgungsjagd begann durch Düsseldorfs Innenstadt. "Halt! Polizei" und "Halt! Stehenbleiben, oder ich schieße" hatten zur Folge, daß der Flüchtige nach Warnschüssen aus den Polizei-Walter-Pistolen seinen Lauf verlangsamte, zwei Schüsse abgab und den Polizisten Pollmann schwer – wie sich herausstellte: lebensgefährlich – verletzte. Die Jagd ging weiter. "Albertz" schoß ein drittes Mal, auf den zweiten Beamten, wurde schließlich von diesem in den linken; Oberarm getroffen und ergab sich – versteckt unter einem geparkten Wagen – ohne Gegenwehr. Die mit mindestens neun Schuß geladene Pistole und zwei weitere mit je dreizehn Schuß geladene Magazine wurden ihm abgenommen. Bei der Gegenwehr "erlitt der Angeklagte eine Nasenbeinfraktur", wie es später im Urteil hieß. Sein erstes Wort im Streifenwagen, als er von der Verletzung des Beamten erfuhr, war: "Das habe ich nicht gewollt."

Die Person

"Volker Albertz" war nicht Volker Albertz. Es handelt sich um den Schriftsteller Peter-Paul Zahl: geboren 1944, aus Mecklenburg in die Bundesrepublik übergesiedelt, seit 1967 nach Beendigung seiner Lehre als Kleinoffsetdrucker (Prädikat "sehr gut") Inhaber einer kleinen Druckerei in Berlin, die ihm die Schwiegereltern kreditierten; gedruckt wurden Aufträge einer Pumpernickelfabrik oder der Kommune I und II. Seit demselben Jahr – 1967 wurde Benno Ohnesorg erschossen – macht Zahl eine immer schärfere Linksentwicklung durch, vom einstigen Kriegsdienstverweigerer zum Vietnam-Kongreßteilnehmer und Mitdemonstranten der unruhigen Berliner Protestszene. In seinem Lebenslauf berichtet er:

"Schon 1967 kam ein Polizist aus dem nahe gelegenen Revier in unsere Druckerei, knipste mit dem Auge und meinte, wir sollten doch Papierabfälle nicht in die Mülleimer werfen. Alte Leute, "wissen Sie, die stammen ja noch von Kaiser. Wilhelm und Kaiser Adolf her...‘, hätten dort herumgewühlt und Flugblattmakulatur oder Kleber zur Polizei gebracht."

Die Polizei blieb ständiger Gast – Kontrollen, Hausdurchsuchungen, Überprüfungen. "Verlassen Sie sich darauf, Ihre Druckerei kriegen wir kaputt", hieß es gemütlich auf der Treppe. Die erste Verurteilung kam 1972, Revision eines Freispruchs in erster Instanz: ein halbes Jahr wegen "Aufforderung zu strafbaren Handlungen". Der inkriminierte Gegenstand war ein Plakat "Freiheit für alle Gefangenen", auf dem eine Sonnenblume, im Zentrum eine Eierhandgranate und als Strahlen Patronenhülsen, die Namen von Organisationen wie "Black Panther", "Vietcong" oder "El Fatah" als Blütenblätter trug. Namen von Häftlingen aus der Sowjetunion oder der ČSSR fehlten. Diese einseitige Militanz ist von so banaler Ärgerlichkeit wie umgekehrt die Tatsache, daß der verurteilende Richter Mitglied der NSDAP seit 1932 und Ausbilder im "NS-Rechtswahrerbund" war. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt.

Die Versionen

Was folgt, liest sich wie ein schlechter Krimi: Die Polizei hält Zahl für "im anarchistischen Untergrund untergetaucht", während er an fünf Tagen in der Woche seinen kleinen Sohn in den Kinderladen bringt; die Presse nennt ihn "BM-Sympathisant" oder "RAF-Verbindungsmann" oder "Kopf der Roten Ruhr Armee", wofür es keine Beweise gibt (noch 1974 spricht Minister Weyer von der "Roten Ruhr Armee... um Gend-Zahl" – da saß Peter-Paul Zahl aber bereits seit zwölf Monaten in Köln-Ossendorf ein). Einsatzkommandos mit mehreren Mannschaftswagen, mit Maschinenpistolen bewaffnete Beamte auf Höfen und Dächern, Razzien, Hausdurchsuchungen, Verhaftung, Freilassung. "Ach wissense, Männeken, det is doch heute aller Operette – früha traten wa jleich de Türe ein" – Ton und Attitüde klingen echt; was Zahl beschreibt, scheint nicht erfunden:

"Bei Durchsuchungen verwehrte es man uns, Zeugen (Nachbarn) oder – wie es die Strafprozeßordnung vorsieht – einen Rechtsanwalt zu informieren. Zitat: ‚Zeigen Sie uns den Paragraphen!‘ Und zu einem Uniformierten: ‚Sie sorgen dafür, det det Männeken nicht telephoniert.‘

Druckplatten oder ähnliches im Format von mehr als DIN A 2 wurden in Kisten und kästen, in Schubladen und zwischen Dessous, hinter Tellern und Tassen, in der Babywäsche, in Kaffeebüchsen und unter dem Teppich gesucht.

Bei einer dieser Durchsuchungen wurde meine Frau, im achten Monat, das zweite Kind im Leib, das erste auf dem Arm, von maschinenpistolenbewehrten, Beamten bewacht...!"

Zahls Frau kam in die Nervenheilanstalt. Die Ehe wurde geschieden. Die Nachbarn rieten: "Schlagen Sie sich durch nach Amsterdam oder Genf. Und dann auf ein Schiff...!"

Das tat Zahl nicht. Aber weg war er doch. Ob auch ein bißchen die Lust am damals fast schicken "Räuber-und-Gendarm"-Spiel mit dabei war, mag dahingestellt bleiben. Richtig ist die Feststellung der Justizbehörden, daß sich "seine Spur vollends verliert, nachdem er Mitte 1972 davon erfuhr, daß nach ihm gefahndet wurde". Zahls Gegenargumente, er habe ja zu der Zeit, noch; kontrollierbare Honorare für Zeitschriftenpublikationen erhalten, reichen nicht; zumal er selber angibt, sie teilweise über ein Anwaltsbüro erhal-

ten zu haben. Und ob der "Besuch von Spezialitätenlokalen" sich auf "gebackenen Tintenfisch: mit Salat für vier Mark" in der "Schöneberger. Weltlaterne" beschränkte, ist nun vollends unerheblich. So sehr Streß, psychische und nervliche Belastung verständlich sein mögen wie das "Durchdrehen" – so wenig ist es ein juristisches Argument. Jedermann weiß, wie nervös man wird, fährt einem gelegentlich ein Funkwagen hinterher, oft macht man gerade dann und deswegen was falsch; überfährt man deswegen ein spielendes Kind, ist dennoch nicht der Funkwagen Schuld. Und wenn ein Hamburger Senatsbeamter in einer Stripteasebar seine widerrechtlich mitgeführte Pistole auf den Barkeeper anlegt, interessiert möglicher privater oder beruflicher Ärger wenig – für den Mann sind Polizei und Gericht zuständig. Dazu sind sie da. Zahls Erklärung ist allenfalls verständlich:

"... und da soll ich im Juni 1972, nach der mörderischen Razzia bei meiner Frau und den Kindern, hingegen zu Polizei oder Staatsanwaltschaft und sagen: ‚Hier bin ich, meine Herren. Was wollen Sie eigentlich von mir? Das muß doch alles ein furchtbares Mißverständnis Sein? –

Sich stellen – auf Anraten und in Begleitung des Rechtsanwalts, so wie es Katharina Hammerschmidt tat: um dann im Knast zu verfaulen, an unbehandelten und fehldiagnostizierten Krankheiten zu krepieren?

Das wäre, doch ein wenig viel Naivität gewesen!"

Nein, naiv war, anzunehmen, das "Untertauchen" ginge immer so weiter. Auch dazu ist die Polizei ja da: Gefälschte Pässe und Pistolen gehören nun mal nicht zur tolerierbaren Normalausstattung der Bürger. Zahl lebte ja auch nicht bei den Mönchen von Athos oder kontemplativ bei irgendwelchen Ursulinerinnen.

Er hat sich mit einer – besonders schweren – Waffe ausgerüstet. Darum, unter anderem, geht der Streit. Zahl und seine Verteidiger sagen, der Besitz einer Pistole bedeute nicht, ihr Träger wolle Gebrauch davon machen. Die Justizbehörden argumentieren genau umgekehrt. Dazu ist zweierlei zu sagen:

Erstens: Ein Abstinenzler pflegt keine Alkoholbatterie, ein Nichtraucher kein Tabaklager im Hause und ein Nicht-Autofahrer keine drei Autos in der Garage zu hatten. Die pazifistische Linke sagt seit eh und je "Wer aufrüstet, will den Krieg" und höhnt die Waffenträger Strauß und Dregger. Wer Waffen hat und scharfe Munition, ist zumindest imstande zu schließen; hat gedanklich schon einmal geschossen. Bei der Baader-Befreiung wurde einem unbeteiligten Bibliothekar die Leber zerschossen, beim Attentat auf einen Hamburger Anwalt verbrannte eine Bürohilfe, der Richter Drenkmann wurde ermordet so wie – von seinesgleichen – der Anarchist Schmücker.

Das zweite Argument ist leichter, will sagen schwerer: Zahl hat geschossen! Er hat eher "zufällig" den Beamten Pollmann nicht umgebracht. Sein "Das habe ich nicht gewollt" hätte verdammt spät, kommen können ... immerhin: Jener Satz nach seiner endgültigen Festnahme ist – sogar nach "kriminalistischer Erfahrung", da in der ersten Erregung gesprochen – glaubwürdig. Ebenso glaubwürdig, weil logisch innerhalb des Irrsinns, ist, daß er bewußt ungezielt Schoß. Noch im Autoverleih, auf 50 cm Abstand mit einer durchgeladenen großkalibrigen Pistole hätte er beide Beamte "mühelos" erschließen können. Auch Während der Flucht – von insgesamt 39 Schuß hat er drei abgefeuert. Die Verletzung am linken Arm hätte mehr und gezielte Schüsse nicht verhindert. Daß man ihm all das, dennoch, glaubt, macht die Sache so kompliziert, so widersprüchlich. Warum glaubt man ihm?

Der Autor

Peter-Paul Zahl ist ein begabter Schriftsteller. Peter-Paul Zahl ist offenbar ein so intelligenter wie sensibler Mensch. Er ist – so paradox das klingt – in seiner verletzten Weichheit, bis zum Schußwechsel gereizten Verkrochenheit fast liebenswert. Ich habe wohl alles, was er je veröffentlicht hat, gelesen – Gedichte und Prosa, Aufrufe, Artikel, Pamphlete; einen hochinteressanten Roman, "Von einem, der auszog, Geld zu verdienen", der durchaus Vorwegnahme von Peter Schneiders zu Recht gepriesener Prosa genannt werden darf; das Buch, im angesehenen Karl Rauch-Verlag zuerst erschienen, hat die Atemlosigkeit und Schreckstarre eines Warhol-Films und dessen sehr schüchterne, spröde Zärtlichkeit – eine Sexszene etwa von intimer Deutlichkeit beweist, daß Zahl den Abstand zum Vulgären sehr balanciert zu halten vermag. Zahl kann sich nicht nur souverän zwischen Bataille, Fanon, Hans Mayer, Enzensberger oder Hubert Fichte argumentierend bewegen. Er begreift auch, daß sich "linker Müll" zwischen Karl Marx und Karl May, Marlitt und Bredel angesiedelt hat. Und sein kurzer Text zum "Le pauvre Holterling" verrät ein ganz unmittelbares Verhältnis zu dessen traurigem pathetischem Menschenbild:

"Sind wir diese Menschen? Warum schließt ihr die Ohren? Warum verstopft ihr eure Poren? – Warum schließt ihr die Augen? Warum, verdammt, wehrt ihr euch, gegen die Zärtlichkeit, und die Schönheit und ihre Derivate in der Sprache, einer Sprache, wie sie sein könnte, wären wir erst Menschen. Gäbe es Geschichte. Statt Vorgeschichte, statt Geschichten. Kommt, Schwestern und Brüder, ihr habt öfter Zeit, als ihr meint, lest doch mal Hölderlin, hört doch mal zu, was er uns zu sagen hat. Es lohnt."

Es ist gewiß kein Zufall, daß seine große Verteidigungsrede in diesem stilistischen Gestus endet: "Ich bin kein Killer... ich bin Mensch."

Zärtlichkeit – Liebe – Mensch: das sind Hauptworte der Literatur Zahls, selbst der Haß ist eine verkehrte, ungelebte Liebe:

"Ganz normale Tage / und der Haß / der aufkommt, mitunter / an solchen Tagen / ein Kloß im Hals / ein Druck beim Solarplexus / wie Liebe wie Angst / ganz normale Tage / die tun / nicht mal richtig weh."

Meist ist es kein Haß, sondern eine als Lakonie vertarnte Enttäuschung, ein. Achselzucken der Vergeblichkeit – das sich mal in grobianischungerechten Tiraden gegen "falsche Genossen" wie Oskar Negt oder Günter Wallraff äußert, dann, aber auch wieder in sachlichen Sozialreportagen über Trabantenstädte und Obdachlosenasyle, wie sie ebenso im Spiegel hätten stehen können. (Zahl hat auch keineswegs nur in Undergroundpressen publiziert, sondern bei Rowohlt oder Luchterhand oder im "Kursbuch", im Verlag Neue Kritik oder bei Wagenbach; er gehörte zur Gruppe 61 und ist Mitglied des PEN-Clubs.) Wenn gelegentlich ein Ton des Zynismus durchzuklingen scheint, muß man darin eher eine Verpuppung sehen: mein sohn fragt: / warum bin ich auf der weit? / ich antworte: / es hatte uns an einem arzt gefehlt / der antibabypillen verschreibt / deshalb bist du auf der weit, / bei uns / am linken niederrhein.

Eine "Schutzimpfung" eben, wie der Titel des Buches lautet, dem diese Zeilen entnommen sind; denn immer wieder, auch Und gerade in Texten der Wut gegen die "Herrschenden", drängt die Haltung des Brechtschen "was für eine Kälte muß über die Menschen gekommen sein, so helft ihnen doch" hervor: "Sag nicht: die Schweine. Sag: Wer hat sie dazu gemacht."

Gewiß ist vieles schrill, aggressiv, nahezu unerträglich plakathaft in Zahls Arbeiten. Das teilt er mit anderen und andere mit ihm. Gewiß ist vieles erstaunlich unreif, naiv, gläubig – der böse Kapitalismus und die Zukunft, von einer roten Sonne überstrahlt. Ich sehe diese. Sonne vorläufig Erde und Menschen eher verbrennen, und ich sehe viele spitzböse Lanzenangänge von Autoren wie Peter-Paul Zahl – sogar bei gelegentlich artifizieller Fertigkeit wie in seinen Zitatmontagen "Fundsachen" – als nachgerade bigott. Zu leugnen aber ist nicht: Hat man das alles gelesen, dann spürt man (da ja ein Schriftsteller kein sozialer Transvestit ist, vielmehr sich entblößt in seinen Texten) – hier agiert, bei aller Unverantwortlichkeit, kein Verantwortungsloser; kein Mann, der "trigger-happy" war oder sein wollte. Ich bin geneigt, dem Schriftsteller Peter-Paul Zahl zu glauben, was er sagt: "Warum sollte ich nicht davon ausgehen, daß der Polizist im Innern des Autoverleihs sich zunächst um seinen Kollegen kümmert, den ich, um mir die Flucht zu ermöglichen, verletzen mußte? Was, müssen wir uns fragen, ist in einem Menschen zerstört, kaputtgemacht worden – und von wem? –, wenn der natürlichste und menschlichste Reflex außer Kraft gesetzt wird: nämlich der, zunächst dem Kumpel, mit dem man immer auf Streife fährt, einem Kollegen, gar Freund, zu helfen, ehe er, einer abstrakten Pflicht folgend und nur für etwa 1100 Mark im Monat – den Täter schießend verfolgt?"

Das Urteil

Ein Freibrief für sich freischießende Ausgeflippte wird hier nicht gefordert. Doch das Urteil scheint dem Laien nicht gemäß: 15 Jahre Freiheitsentzug, also exakt das Strafmaß für Fritz Honka, der vier Menschen schlachtete. In einem Moment, in dem man die Frage "Haben auch Judenmörder ein Recht auf Gnade?" sehr differenziert beantwortet und den SS-Führer Wilhelm Rosenbaum, verurteilt wegen der Ermordung von 148 polnischen Juden, freilassen will. Dem Landgerichtsdirektor Brandt aber, der Zahl wegen des Plakats erst mal verurteilte, wird nachgesehen und bescheinigt, daß keine vernünftigen Gründe es glaubhaft machen können, seine ehemaligen Nazi-Aktivitäten wären möglicherweise auch kein Kern einer "heute angenommenen inneren Haltung", die ihn bei der Rechtsfindung in vorliegender Sache störend beeinflussen könnten. Ich weiß nicht so recht – mich beeinflußt da etwas störend; und man wäre dankbar, die deutsche Justiz – nun wahrlich keine ruhmreich-unbefleckte Institution – ginge behutsamer, um; mit sich und ihrem jeweiligen Gegenüber. Immerhin muß das erste Schwurgericht ähnlich gedacht haben. Es akzeptierte jenen Satz von Zahl bei seiner Festnahme als bekundeten Nicht-Tötungs-Vorsatz; es akzeptierte seine politische Differenzierung, nicht der einfache Polizist sei sein Feind, sondern das geltende staatliche System (welche Einstellung sein gutes Recht ist; er teilt sie beispielsweise mit Biermann – dem der Hamburger Senat freie Wohnung und ein Stipendium anbot); es sah auch das gesamte Verhalten Zahls bis zu seiner Festnahme als nicht sicher mit der Annahme in Einklang zu bringen, "er sei mit einer tödlichen Wirkung seiner Schüsse einverstanden gewesen". Ergebnis: vier Jahre Freiheitsstrafe. Der große Strafsenat verwarf, hob auf, verwies zurück, verhandelte neu, vervierfachte. Warum?

Fazit

Wir Deutschen haben eine Geschichte. Sie ist voller Erbarmungslosigkeit, Menschenzerstörung, Verwerfung; auch und gerade der eigenen Literatur gegenüber. Von Marx bis Thomas Mann, von Heine bis Tucholsky: Wer die Gräber derer besuchen will, nach denen heute Schulen, Straßen und Plätze benannt werden, muß über die Grenze. Vielleicht ist Peter-Paul Zahl kein Ernst Toller und kein Erich Mühsam – wer will das heute beurteilen. (Seine Gedichte aus der Haft halten den Vergleich mit Tollers "Schwalbenliedern" aus.) Und er ist gewiß ein verwickelter "Fall": Mir selber ist unbehaglich bei der lautstarken Forderung nach dem Privileg, ein Schriftsteller in Haft müsse weiter unbehelligt seinen Beruf ausüben dürfen. Wie wäre es, forderte der eingesperrte Computer-Ingenieur dasselbe, der Maler, der Bankier? Liegt in dieser fast selbstverständlich vorgetragenen Forderung nicht auch ein Gran Hochmut? Doch wiederum: man vermißt eben dieses – umgekehrte – Unbehagen, bei den Verurteilern. Wenn dieses Land sich Briefmarken mit dem, Kopf Rosa Luxemburgs leisten kann, dann sollte es sich auch leisten können die Aneignung ihres Satzes "Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden". Des Eindrucks aber kann man sich nicht erwehren, daß hier über die – recte – Verurteilung einer Tat hinausauch eine Gesinnung bestraft wird (eine Interview-Bitte des Westdeutschen Rundfunks wurde abschlägig beschieden, eine ebensolche dieser Zeitung von den Düsseldorfer Justizbehörden gar nicht beantwortet). Das innerste Moralprinzip dieses Staates ist aber, eben dieser Gesinnung – wie feindselig gesonnen ihm immer – Freiheit zu belassen. Nur sie macht den Staat appellfähig; für Duldsamkeit beispielsweise, um ein ähnlich altmodisches Wort wie Gnade zu benutzen. Kein Genet sitzt hinter Gittern, wohl wahr; kein Sartre erhebt die Stimme, gewiß. Aber Ernst Blochs Satz gilt: Wer hier und heute nicht bei Gelegenheit seinen Kopf verliert, hat vielleicht keinen.