kilehrer Peter Lindecke hebt die Arme wie eine Ballerina. Im Walzerrhythmus schwebt er über den Idiotenhügel, konsequent auf dem falschen, dem von allen seriösen Skilehrem geächteten Bergski balancierend. Bewundernd blickt ihm seine Schülertruppe nach und startet schließlich auch: Als unkoodiniert sterbender Schwan, die Beine mit den Skiern verknotet, landet einer nach dem anderen kurz darauf im Tiefschnee Abseits "Ich habs fünf Jahre lang geübt", tröstet der Trickski Lehrer und beweist mit einem Salto aus der Hocke den Erfolg seines langwierigen Trainings.

Peter Lindecke, Vizeweltmeister der Trickski Elite, spielt neuerdings den Vorturner im Südtiroler Schnalstal. Er soll den müden Nebensaisonwochen in dem wenig bekannten Winterurlaubsgelände im Vinschgau Glanz verleihen. Eine Trimm Etage höher, auf dem Gletscher Hochjochferner, vermittelt der ehemalige italienische Nationalskiläufer Helmut Schmalz Anfängern Stemmbogentechnik und Wedelpraxis. Auf der gegenüberliegenden Talseite trainieren derweil schwedische, kanadische und jugoslawische Olympiamannschaften Schußabfahrten am LanzauerHang.

Unter den Urlaubern gilt das Schnalstal noch immer als Geheimtip. Erst vor einem Jahr wurde in dem versteckten Seitental, 15 Kilometer von Meran entfernt, die Gletscherbahn — die höchste Seilbahn Südtirols übrigens — eröffnet, die das Tal in die Liste der akzeptablen SkiurkubsRegionen hievt. Bis dahin hatte der 24 Kilometer lange Einschnitt, ins ötztaler Gebirgsmassiv nur unter Bergsteigern, Naturforschern und Geschichtskundlern einen Namen.

Heute steckt das "Val, Senales", wie es auf italienisch heißt, mitten im Umbruch zwischen hypermoderner Seilbahntechnik und museal anmutender Bergbauernwirtschaft, zwischen beschaulichem Gebirgsmühlen Idyll und greller Diskothekatmosphäre. Urlauber können für ihre Nachtruhe zwischen windschiefen Schlafkämmerchen mit Waschgeschirr und Hotelneubaukomfort mit Schwimmbad, Sauna und Fernseher wählen. Wer auf Wandertouren durch das Schnalstal in einen der Berghöfe einkehrt, die an den steilen Almhängen kleben, macht einen gewaltigen Schritt in die Vergangenheit. Der Tisenhof beispielsweise — rund 300 Meter über dem neuen Stausee, der vor vier Jahren ein ganzes Dorf samt Kirchturm verschluckt hat — stammt laut Türbaikeninschrift aus dem Jahr 1348. Das niedrige Küchengewölbe ist rußgeschwärzt von der Arbeit vieler Bäuerinnengenerationen am offenen Feuer. Auf dem Herd gart ein Maispudding in einer überdimensionalen Pfanne, Grundnahrungsmittel für Frühstück, Mittag- und Abendessen. Jährlich werden vier bis fünf große Tonnen Kohl für den Winter eingemacht, Mohnkerne in stundenlanger Stampferei zermahlen und Speck im Kamin geräuchert. Daß die Bäuerin seit wenigen. Jahren nicht mehr selbst den Brotteig walkt, sondern die Laibe vom Dorfbäcker bezieht, gilt als bedeutender Fortschritt.

Wie einige seiner Nachbarn so hat auch der Tisenhof Besitzer Alois Tappeiner zwei Kämmer chen für zahlende Gäste hergerichtet: mit etwas kurz geratenen Bauernbetten, wurmstichiger Truhe und niedrigem Türbalken. Ober die unvermeidlichen Beulen an den Köpfen aufrechtgehender Gäste tröstet ein Glas Rotwein, eine Portion Mohnkrapfen oder der Topf Speckknödel hinweg.

Die einfachen bäuerlichen Gerichte liefern den Tiefkühlkostgewohnten Touristen die angenehmsten Überraschungen. Zu den typischen Leckerbissen gehören: Schnalser Nudeln aus Quark und Roggenmehl, in Schmalz gebacken und fetttriefend gleich in der Pfanne serviert, Selchfleisch, Schöpsernes (gebratenes und gedünstetes Hammelfleisch), sowie Schneemilch, ein Resteessen aus Weißbrot, gezuckerter Milch, Rosinen, Nüssen, Feigen und Sahne.

Finanziell ist die Schlemmerei im Schnalstal gut zu ertragen; die Spezialitäten kosten nur ein paar hundert Lire. Bedrohlicher macht sich die Kalorienzahl bemerkbar, denn die Köchinnen sind noch stolz auf jedes Pfund Butter oder Schmalz, das sie ihren Speisen zusetzen.

Weit kärglicher haben einst die "Ureinwohner" des Tals gelebt: 1326 besiedelten Kartäusermönche die unwegsame Schlucht; die asketischen und kontaktfeindlichen Gottesmänner ernährten sich von Milch, Ei und Fisch. Noch heute kann man in dem Gebirgsdorf Karthaus einige Zellen sehen, in denen die Mönche wohnten. Audi ein Teil der Kreuzgänge ist erhalten. Eine Familie Spechtenhauser im Hause Nr. 20 bewohnt die ehemalige Paterküche mit dem hohen Kamin. Im Gasthaus "Goldene Rose" zieren originale Weinkrüge aus dem Mönchskeller die Eingangshalle, und beim Waldschmieu hängt noch eine echte Kafthauseruhr.

Für den Urlauber, der idyllische Kirchturmspitzen in den fünf Talorten Katharinaberg, Karthaus, Unser Frau, Vernagt und Kurzras photographiert, auf den alten Friedhöfen die Jahreszahlen entziffert und die noch funktionierenden hölzernen Mühlen auf den Almen bestaunt, zeigt sich das ganze Tal als überdimensionales Bauernmuseum. Die Bewohner sind nicht ganz so zufrieden mit ihrer Heimat: In den sechziger und siebziger Jahren schrumpfte die Bevölkerung jährlich stetig um 50 Personen. Erst mit dem Bau des Skisportgeländes und den damit verbundenen neuen Einnahmequellen stabilisierte sich die Einwohnerzahl auf inzwischen 1520.

Obwohl die norddeutsche Studentin Meike Keim in ihrer Doktorarbeit über das geschichtsträchtige Tal keinerlei Chancen für den Wintertourismus entdeckte, begann der 30jährige Juniorchef des Sporthotels Kurzras, Leo Gurschler, 1972 die Gletscherregion dem Ganzjahresskilauf zu erschließen. Demnächst soll noch ein Freizeitdorf mit vier Hotels hinzukommen, die das Bettenangebot von derzeit rund 850 auf einen Schlag verdoppeln würden. Gurschler initiierte auch die ersten "neumodischen" Unterhaltungsmöglichkeiten im weltabgeschiedenen Tal: Mißwahlen, Riesentorläufe, Reiterurlaub und Drachenfliegen, ein Feriensport, bei dem er im letzten Winter abstürzte und sich mehrere Rippen brach. Selbst für Langläufer ist ein Reservat entstanden: Eine Schneekatze spurt regelmäßig eine Fünf km Loipe auf den Gletscher.

Noch in der Schublade ruht eines der notwendigsten Projekte: der Ausbau der engen Talstraße, die den meisten Ärge:T für Besucher birgt. Teils asphaltiert, teils als Karienweg, schlängelt sie sich kräuselkreppartig unter Felsüberhängen und an mäßig gesicherten Schluchten vorbei. Schneewehen, Geröll und kärgliche AusweichJbogen garantieren in der Hochsaison — an schönen Wochenenden, wenn Skifahrer von Meran und Bozen einfallen — Warteschlangen und mühfeliges Hindernisfahren.