Augenblicke des Friedens, des Glücks, der Harmonie zwischen Menschen und Natur: Ein junges Mädchen sitzt selbstvergessen auf einer Schaukel, träumt sich lächelnd in eine schöne Zukunft; ein junger Mann liegt am Bach, in einer fast unwirklich vollkommenen Landschaft, und schaut entspannt seiner davonschwimmenden Mütze hinterdrein.

Solche Momente gibt es nur selten in Jan Troells epischer Auswanderer-Chronik, aber wenn sie einmal vorkommen, verdeutlichen sie auf schmerzliche Weise den Widerspruch zwischen entbehrungsreicher Realität und ferner Utopie Für die schwedischen Kleinbauern, die um das Jahr 1850 in der Provinz Småland ihr steiniges Land bestellen, in einem hoffnungslosen Kreislauf aus ökonomischen Rückschlägen, Naturkatastrophen und familiären Tragödien, heißt die Utopie Amerika. Wenn der junge Robert, der als Knecht auf einem Nachbarhof arbeiten muß, um seiner Familie nicht länger auf der Tasche zu liegen, nachts von den Reisfeldern einer nie gesehenen Gegend mit dem Namen Carolina erzählt, von der fruchtbaren Erde und der Gleichheit der Menschen, dann klingt das Wort Carolina wie eine magische Formel: das neue Land Allmählich beginnt sich auch Roberts älterer Bruder Karl Oskar, der Kristina, das Mädchen auf der Schaukel, geheiratet hat, für Amerika zu interessieren.

Und eines Tages bricht die Sippe der Nilsson: mit einigen Freunden tatsächlich auf. Ein uraltes Schiff, in dessen Zwischendeck die Menschen zusammengedrängt werden wie Vieh, bringt sie nach Amerika. Einige sterben unterwegs. Das neue Land bringt neue Entbehrungen, Rasch müssen Karl Oskar und die Seinen begreifen, daß es auch in Amerika Herrschende und Beherrschte gibt. Mit dem Zug, auf einem Raddampfer, schließlich mit dem Ochsenkarren ziehen die schwedischen Siedler immer weiter nach Westen. In Minnesota, in einem Tal, das so schön ist wie ihre Heimat, lassen sie sich endgültig nieder. Dreißig Jahre später stirbt Karl Oskar, der viele Särge für seine Familie zimmern mußte, als letzter der Emigranten der ersten Stunde. Seine Nachfahren nennen sich Nelson. Sie sind Amerikaner geworden.

Den weiten Weg von Småland nach Minnesota beschreibt Jan Troell in seinem 1971/72 entstandenen, über fünf Stunden langen Film, dessen erster Teil „Die Emigranten“ und dessen zweiter Teil „Das neue Land“ heißt. Trotz begeisterter Kritiken, zumal in Amerika, gelangt dieses Meisterwerk des schwedischen Kinos, vom Verleih schon seit Jahren angekündigt und immer wieder zurückgezogen, erst jetzt in die Bundesrepublik. Und das ist allein dem inzwischen reichlich übertourten Medienrummel um Liv Ullmann zu verdanken, die hier als Kristina Nilsson in der Tat eine ihrer eindrucksvollsten Rollen spielt. Auch und zumal jenseits der Rigorosität und Angestrengtheit des Inszenierungsstils von Ingmar Bergman entfaltet sie bei Troell eine Anmut und eine Spontaneität, die selbst noch in Moment ten der Düsternis und des Heimwehs der Figur einen überzeugenden emotionalen Reichtum mitteilen.

Wo Bergman dazu neigt, seinen Schauspielern eine extrem artistische Virtuosität abzuringen, bleibt Jan Troell, der alles andere ist als ein Dompteur, kleinen, scheinbar flüchtigen Erfindungen gegenüber offen, die Zärtlichkeit und Neugier ausdrücken. Wie Max von Sydow, auch er ein erfahrener Bergman-Schauspieler, hilflos und nach Worten suchend in einem kleinen Laden irgendwo im fremden Minnesota steht, wie Liv Ullmann, hingerissen von der Eleganz der großen Welt, einen feinen Damenhut anprobiert – das sind Szenen, in denen sich die genaue Beobachtungskunst des Regisseurs und die Sensibilität seiner Schauspieler zu einer emotionalen Authentizität verbinden, die man nur selten erlebt.

Jan Troell, 1931 geboren, zunächst Volksschullehrer, bei uns durch seine in Berlin preisgekrönten Filme „Hier hast du dein Leben“ (1966) und „Ole Dole Doff“ (1968) bekannt geworden, ist im amerikanischen Sinne ein total filmmaker: Er ist sein eigener Drehbuchautor, Kameramann und Cutter, bestimmt seine Filme bis ins letzte Detail, wobei besonders der Kameraarbeit eine zentrale Rolle zukommt. Troell hat viel gelernt von den Meistern des klassischen schwedischen Stummfilms, seine Art, Landschaften und Menschen in Landschaften zu photographieren, voll natürlicher Poesie, aber ohne romantische Verklärung und Verkleisterung, geht zurück auf Sjöström und Stiller. Es ist der ambivalente Blick eines Mannes, der genau weiß, daß die Schönheit der Landschaft trügerisch ist, daß sie Figuren umgibt und bedrängt, für die die Konfrontation mit der Natur letztlich nur Mühsal und Tod bedeutet. Die Bilder der schwedischen Sommer sind von einer gleißenden, Gefahr signalisierenden Helligkeit, hinter jedem idyllischen Winkel, in Småland wie in Minnesota, verbirgt sich eine neue Herausforderung. Ein ähnliches Naturverständnis zeigte zuletzt Akira Kurosawa in seiner sibirischen Ballade „Derzu Uzala“.

Und wie Kurosawa nimmt sich auch Troell sehr viel Zeit, seine Geschichte und seine Figuren zu entwickeln. Doch seine epische Erzählhaltung bleibt stets eingebunden in einen skrupulösen Realismus. Anders als etwa der Schwärmer und Schöngeist Bertolucci in „1900“ beobachtet Troell, ein zärtlicher Materialist, seine Figuren lange bei der Arbeit, zeigt ihre Lebensbedingungen bis zum Schwarzen unter den Fingernägeln. Nie saugt sich seine Kamera feierlich in schönen Stimmungen fest, sondern sucht und findet immer wieder signifikante Details: ein epischer Intimismus, durchaus bewegt und bewegend, aber nie sentimental.

Eine Reise mit den Nilssons, fünf Stunden lang lernt man Menschen kennen. Im ersten Teil ereignet sich an dramatischer Handlung wenige bis auf die Überfahrt nach Amerika, im zweiten fast schon zuviel. Gegenüber den „Emigranten“ fällt „Das neue Land“ ein wenig ab. Zumal eine lange Rückblende mit den Abenteuern Roberts auf dem Weg zu den kalifornischen Goldfeldern sprengt durch ihre halluzinatorische Hektik die stilistische Geschlossenheit, eine in sich sehr starke Sequenz mit der Massenhinrichtung eines Indianerstammes in einem winterlichen Armee-Fort steht merkwürdig isoliert da. Aber das sind kaum mehr als Schönheitsfehler, die vielleicht auch erst durch die Bearbeitung des noch erheblich längeren schwedischen Originals für den internationalen Markt zustande kamen. Bleibt zu hoffen, daß wir demnächst auch Jan Troells amerikanischen Western „Zandy’s Bride mit Liv Ullmann und Gene Hackman werden sehen können. Hans C. Blumenberg