ARD, Sonntag, 20. Februar, 21.05 Uhr (gekürzte Fassung); WDR, 3. Programm, Samstag, 26. Februar, 20.15 Uhr (Original-Fassung),

So was habe ich im deutschen Fernsehen noch nicht gesehen: Vier Stunden lang das poetische Chaos. Ruhig blickt die Kamera auf szenische und musikalische Improvisationen. Da "passiert" minutenlang gar nichts – und das ist aufregender als das, was in manchen Action-Filmen passiert. Und dann "passiert" ein großes Fest, das manche wohl als Orgie schmähen werden, und es ist doch nur ein mal fiebriger, mal fahler Totentanz vor einem Morgen des Mordes.

So ist, nach Ulm (1961), Bremen, Hannover, einer Tournee-Inszenierung, Berlin/Bochum (1975/76) Peter Zadeks vierte (oder fünfte?) Inszenierung der tragischen Farce, der possenhaften Tragödie "Die Geisel" (1958) des irischen Schriftstellers Brendan Behan: wüst und zart, ordinär und poetisch, grölend und leise, mit Krach, Rauch, Flammen, Flitter, entblößten Körpern den Bildschirm sprengend; und dann wieder beruhigt zu Augenblicken der Stille, ja, des dramaturgischen Stillstands, der manchen als Langeweile erscheinen mag.

Nicht gleich auf die Aus-Taste drücken: Es sind gerade die Sequenzen einer erschöpften oder ganz unverkrampften Ruhe, die diesen Film unverwechselbar machen. Es ist dem Regisseur – und den Technikern im Studio – gelungen, eben diese Studiosituation vergessen zu lassen. Als Zuschauer denkt man (auch wenn hier gelegentlich Kameras ins Bild kommen) oft gar nicht mehr daran, daß unser Blick durch Kameras gelenkt wird. Man fühlt sich mitten hinein versetzt in die Spelunke in Dublin.

Rauchschwaden ziehen durch die Halle eines zum Bordell heruntergekommenen Hotels. Kleine Streitereien unter Men "Mietern". Die Puff-Mutter und ihr Geschäftsführer kabbeln sich mit der gereizten Zärtlichkeit eines älteren Ehepaares. Gespräch tröpfelt, Bier fließt. Ab und zu stimmt jemand einen Song an, andere tanzen dazu. Nach solchen "Höhepunkten" eines vom Warten auf Kunden bestimmten Alltags sackt die Stimmung ab, die Whiskey-Flasche kreist, der Mann am Klavier klimpert vor sich hin, ein Stehgeiger legt seinen Bart aufs Kinnbrett und streicht selbstvergessen die Saiten.

In all dieser geduldig entfalteten, schäbigen Idylle wird, je länger man schaut und lauscht, unheimliche Spannung spürbar: In Belfast haben die Engländer einen Bombenwerfer der verbotenen Irisch Republikanischen Armee I.R.A. geschnappt und den Achtzehnjährigen zum Tod verurteilt. Als Gegenschlag kidnappt die I.R.A. einen achtzehnjährigen Tommy, der in Nordirland seinen Militärdienst leistet und versteckt ihn in dem Stundenhotel. Dort hat er mit der spröden Landpomeranze von Stubenmädchen, die wie eine kleine Heilige durch diese Halb- und Unterwelt schreitet, eine Romanze, ehe er, als die Polizei die Bude stürmt, aus Versehen erschossen wird.

Nun brauchen Sie sich trotzdem keinen Stoß Taschentücher neben den Kasten Bier zu legen, wenn Sie sich vor den Fernsehapparat setzen: Behan läßt seinen erschossenen Soldaten unter dem Leichentuch gleich wieder auferstehen und mit verzweifelter Fröhlichkeit singen: "Die Hölle läutet klingelingeling / Für dich, aber nicht für mich .../ Triffst du meinen Friedhofsgärtner .../Trink ein Bier aus meiner Urne ..." Hat schon Behan mit dem typisch irischen Talent, Trauer in die Freude zu mischen, auch den Tod als Jux zu nehmen, aus seinem wilden Dreiakter (fast) alle Sentimentalität verbannt, so ist der in England aufgewachsene Zadek, ein Profi des angloirischen Volkstheaters, der rechte Mann für ein Stück, das Tragödie und Musical, kritische Komödie und Revue unbedenklich zusammenknetet.

"Bühneninszenierungen ins Fernsehen zu bringen, halte ich für einen falschen Weg", erklärte Peter Zadek, als er diese Aufführung mit dem Ensemble des Bochumer Theaters, dessen Intendant er damals war, fürs Fernsehen – und zugleich für Bochum und für ein langes Gastspiel in Berlin inszenierte. Nach Besichtigung der (vierstündigen) Originalfassung seines Fernsehfilms kann man den Satz umdrehen: Fernsehinszenierungen auf die Bühne zu bringen, halte ich für einen falschen Weg. Deshalb habe ich nach der Premiere dieses Zwitters am Theater der Freien Volksbühne in Berlin (und noch immer unter dem Eindruck der furiosen Ulmer Inszenierung) geschrieben (ZEIT vom 28. November 1975): "Eine flache Revue, ohne Witz, ohne Schrecken".

Jetzt, auf dem Bildschirm, stimmt, was (mich) auf der Bühne gestört hat. Die Breitwandkulisse, die der Zuschauer im Theater nicht überblicken kann, wo "Nebenhandlungen" stören, wird sinnvoll, wenn die Kamera die Auswahl trifft. Auch die sinnlos ins Parkett gebaute, nie benutzte, aber Sitzplätze okkupierende Drehtür von Berlin hat jetzt ihre Funktion. Die Personenführung wird einsichtig, wenn unser Blick nicht von Details ab-, sondern auf die jeweiligen Hauptfiguren hingelenkt wird. Was im Theater, bei Gleichzeitigkeit aller Handlungen, einen unernst voyeuristischen, sich dem Zuschauer anbiedernden Zug erhielt (lüsternes Treiben mit Kleidertausch, hermaphroditische Szenen, halbnackte Schauspielerinnen singend und gliederschüttelnd an der Rampe), wird jetzt, im Medium wechselnder Blickpunkte durch verschiedene Kameras und kontrastierender Bildschnitte, eingebunden, ist nicht mehr Selbstzweck, dient dem Stück.

Leider fehlen in der Kurzfassung für das Erste Programm rund achtzig Minuten, die (für mich) zum Schönsten gehören, die zugunsten leichteren Verständnisses aber am ehesten geopfert werden konnten: zwei ganz traumverlorene Improvisationen des Pianisten, des Geigers; eine irrsinnige Hühner-Jagd in der Großstadtkneipe und Sequenzen der improvisierten Orgie, die Zadek (in mehreren Versuchen) einfach abphotographiert hat, wobei das ziemlich wirklichkeitsgetreue Abbild einer "Party" entstanden ist, vom nervös verlegenen Beginn über fröhliche Ausgelassenheit, Phasen des Abschlaffens, der hektischen Sauf-, Quatsch- und Fummelmomente bis hin zum torkelnden, lallenden Katermorgen.

Und ich hätte mich in vier Stunden nicht gelangweilt? Doch; auch geärgert. Dieser Fernsehfilm kann (und soll) einem auch auf die Nerven gehen. Aber er lohnt das genaue Hinsehen. Statt eines großen Personenzettels nur einen Namen: Hannelore Hoger.

Als das Stück 1961 zum erstenmal in Deutschland gespielt wurde, war "Geisel" fast ein Fremdwort, dachte man an Nordirland als an ein Ferienland. Nach der Neuinszenierung 1975 konnte man lesen, Behans Stück sei von der Wirklichkeit überholt, erweise sich angesichts von Mord und Geiselnahme als harmlos. Ich finde, das Stück hat durch die politischen Ereignisse an Aktualität; wüstem Witz, bösem Sarkasmus gewonnen: Auch mit schrillem Lachen kann man sich der Schrecken von Mord und Totschlag erwehren und die gespenstische Wirklichkeit erkennen. So hat Behan es geschrieben und so inszeniert er Zadek.

Rolf Michaelis