Behandlung mit Elektroschocks führte in Frankfurt zu einem Psychiatrie-Streit

Von Ernst Klee

Noch immer gehören an der Frankfurter Universitätsnervenklinik Elektroschocks zum Behandlungsrepertoir. Dies hat zu einem regelrechten Psychiatrie-Streit geführt, der die Frankfurter Öffentlichkeit seit einigen Wochen beschäftigt. Als Anfang Februar im Pressekeller darüber diskutiert werden sollte: "Macht uns unsere Psychiatrie verrückt? – Psychiatrische Behandlung und Versorgung in Frankfurt", drängten sich 400 Interessierte und Betroffene im Saal, auf den Fluren, auf der Treppe und sogar noch auf der Straße. Erstmals mußte eine Veranstaltung der Frankfurter Journalistenverbände wegen zu großer Beteiligung verschoben werden.

Kurz die Vorgeschichte des Frankfurter Psychiatrie-Streits: Patienten und ehemalige Patienten der Universitätsklinik produzierten einen Hörfunkbeitrag "Klinikinsassen machen eine Sendung", der am 3. Dezember 1976 vom Hörfunk ausgestrahlt wurde. Wie an dieser Stelle bereits berichtet (DIE ZEIT Nr. 2/1977), hatten die beteiligten Patienten Grund, wegen ihrer Kritik an den Behandlungsmethoden Repressalien zu befürchten. Noch während der Schneidearbeiten an der Sendung wurden Patienten entlassen, einer wurde für "geisteskrank" erklärt. Nach der Sendung kam es zwischen Patienten und Ärzten des Klinik zu einer Diskussion. Es wurde beschlossen, die Gespräche weiterzuführen. Zum festgesetzten Termin erschien Professor Wolfgang Pittrich, Psychiater an der Frankfurter Universitätsnervenklinik, ("Ich habe mich ernsthaft geprüft und bin zu dem Ergebnis gekommen, daß ich zwar viele Fehler habe, mich aber trotzdem zu einer humanen Gesellschaft bekennen kann") und verkündete das Ende aller Gespräche. Mir, dem Autor der Sendung, wurde eine Strafanzeige angedroht. Ein ehemaliger Assistenzarzt der Klinik kommentierte: "Die Institution ist an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen ... die Reaktion war vorauszusehen."

Einer der Streitpunkte ist die Anwendung von Elektroschocks. Erstmals wandte der italienische Psychiater Ugo Cerletti im Jahre 1938 einen Elektroschock an. Er legte zwei Elektroden am Kopf des Patienten an und jagte dann Strom durch das Hirn. Der Patient "begann abrupt in den höchsten Stimmlagen zu singen und wurde dann still". Cerletti und den anderen Forschern erschien die Spannung (80 Volt) zu gering, sie wollten das Experiment am nächsten Tag wiederholen. "Doch plötzlich sagte der Patient, der unserer Unterhaltung offensichtlich gefolgt war, deutlich und ernst, ohne den vorherigen Unsinn: ,Nicht noch einen, es wäre tödlich.‘" Viel später, am Ende seines Lebens gestand Cerletti: "Als ich die erste Reaktion des Patienten sah, dachte ich im stillen: Das müßte verboten werden!"

Wie ein Elektroschock funktioniert, zeigte im vergangenen Jahr Dr. Dieter Hellauer vom Max-Planck-Institut München in der Fernsehreihe "Bilder aus der Wissenschaft". Den Elektroschock hatte Hellauer in der Frankfurter Nervenklinik gefilmt. Man spricht dort aber nicht mehr vom E-Schock, sondern vom "Heilkrampf". Im Gegensatz zu früher zuckt der Patient nicht mehr, so daß es auch nicht mehr zu Knochenbrüchen kommen kann. Der Patient wird narkotisiert, und mit Medikamenten unterdrückt, man den Krampf. Diese sogenannte Humanisierung des E-Schocks haben Juristen durch Gerichtsurteil erzwungen. Doch ein Stromstoß von 100 bis 150 Volt geht nach wie vor durch das Hirn. Und dabei werden Millionen von Gehirnzellen vernichtet. Bei Katzenexperimenten fand man, daß sich an Gewebeschnitten ein regelrechter Stromkanal durch das Gehirn nachweisen ließ.

In jener Wissenschaftssendung konnten die Zuschauer verfolgen, wie Oberarzt Dr. Schuster, ebenfalls Psychiater an der Frankfurter Universitätsnervenklinik, von Patienten "Schocker-Schuster" genannt ("Ich kann nur behaupten, daß ich mehrere tausend derartige Behandlungen durchgeführt habe"), eine vergebliche Elektrokrampfbehandlung zu demonstrieren versuchte: Selbst der fünfte E-Schock konnte die geschockte Patientin nicht von ihrem Zwangsdenken befreien. Nur Professor Hansjoachim Bochnik, der Leiter der Frankfurter Universitätsnervenklinik, wußte frohe Kunde über die Tochter eines Kollegen; zu berichten: "...nach drei Elektroschocks war sie fröhlich, munter und vergnügt." Die Wissenschaftsredaktion aber ließ dagegen schockbehandelte Patienten als Zeugen auftreten: "Vor zehn Jahren hatte ich 15 Schockbehandlungen. Ich verließ die Klinik und kam heim zu sechs Kindern, deren Alter ich vergessen hatte, in Räume, die ich nicht mehr kannte, und mit denselben Problemen und Ängsten wie vor drei Monaten. Ich wollte, ich hätte die Erinnerung zurück, die die Schocks mir nahmen."