Das Familienkind“ heißt ein Roman, den der Goldmann Verlag in München für diesen Monat angekündigt hat. Wenn das Taschenbuch ausgeliefert wird, hat der Titel Symbolwert für den ganzen Verlag: Ende Februar wurde Goldmann – rückwirkend zum 1. Januar dieses Jahres – in die Unternehmensfamilie des Gütersloher Medienkonzerns Bertelsmann übernommen.

Die jüngste Erwerbung des größten deutschen Publizistik-Unternehmens (Umsatz einschließlich des Hamburger Zeitschriftenverlags Gruner + Jahr: 2,4 Milliarden Mark), dem außer acht Buch- und Schallplattenklubs bereits zwölf Buchverlage gehören, kam für die Branche nicht überraschend. Schon lange war bekannt, daß Bertelsmann auch an einer eigenen Taschenbuch-Produktion interessiert ist.

Dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Einmal ist das Taschenbuch neben Original- und Buchgemeinschaftsausgabe die dritte wichtige Verwertungsform eines Buchrechts. Wer so viele Rechte besitzt wie Bertelsmann, muß es auf die Dauer für unternehmerisch wenig sinnvoll halten, das eigentliche Geschäft mit dem Taschenbuch dritten zu überlassen und sich selber mit den knappen Lizenzgebühren (in der Regel fünf Prozent) zu begnügen. Bertelsmann-Konkurrent Holtzbrinck zum Beispiel zählt gleich drei Taschenbuchverlage zum Konzern: den Fischer Taschenbuch-Verlag sowie – über Minderheitsbeteiligungen – die Verlage Rowohlt und Droemer. Überdies stärkt ein Taschenbuchverlag die Position auf dem internationalen Lizenzmarkt: Beim Bestseller-Poker können die eigenen Einnahmen aus der Taschenbuchausgabe im voraus einkalkuliert werden.

Der Taschenbuchmarkt bietet zudem beträchtliche Wachstumsraten, je mehr die Preise für gebundene Bücher steigen, um so mehr gewinnt das immer noch relativ preiswerte Pocketbook an Bedeutung. Allein in den zehn Jahren von 1963 bis 1973 hat sich die Zahl der Taschenbuch-Käufer um 70 Prozent erhöht. Während Anfang der sechziger Jahre nur jeder dritte Bundesbürger irgendwann einmal Literatur im Taschenformat erworben hatte, waren es zehn Jahre später bereits 56 Prozent der Bevölkerung – eine Entwicklung, die sicher auch auf das quantitativ und thematisch verbreiterte Angebot zurückzuführen ist. Heute sind bereits gut elf Prozent aller jährlichen Neuerscheinungen Taschenbücher (1965: ist. Prozent). Vor allem bei der schöngeistigen, der geisteswissenschaftlichen und der Jugendliteratur ist die Produktion erheblich, zum Teil sogar um ein Vielfaches, gestiegen.

Um auf diesem Markt Fuß zu fassen, hatte Bertelsmann bereits 1974 einen Kooperationsvertrag mit dem Münchner Heyne Verlag geschlossen, dessen Programm von Unterhaltung über Krimis und Sachbücher bis zu Ratgebern verschiedenster Art (Antiquitäten, Kochen, Steuern) reicht. Sichtbare Ergebnisse dieser Zusammenarbeit waren unter anderem ein Lexikon der Geschichte, das mit dem Know-how des Bertelmannschen Lexikonverlages erarbeitet wurde, und die Heyne-Taschenbuchausgaben der Erfolgsautoren C. C. Sergius und Marie Louise Fischer. Außerdem wurden in den USA gemeinsam literarische Rechte eingekauft.

Eine bloße Kooperation ohne finanzielle Beteiligung reichte den Bertelsmännern aber langfristig wohl nicht aus. Deshalb suchte man nach neuen Lösungen. Ein eigener Taschenbuchverlag sollte gegründet (als Tochter des Blanvalet-Verlags, der vor allem Unterhaltungsliteratur herausbringt) oder ein bereits bestehendes Unternehmen übernommen werden. Um für alle Fälle einen ausreichenden Stock von Rechten zu haben, vergaben die Bertelsmann-Verlage seit Juni 1976 nur noch wenige Taschenbuch-Lizenzen.

Wie sooft bei Bertelsmann wurde auch diesmal gekauft. Der Goldmann Verlag, der seit dem Tode des patriarchalisch regierenden Verlegers Wilhelm Goldmann im Jahre 1974 von zwei Geschäftsführern geleitet wird, zählt mit seinem Umsatz von 15 Millionen zu den mittleren, mit seiner Produktion von insgesamt etwa 4400 Titeln jedoch zu den großen Taschenbuchverlagen. Das Programm gleicht einem Gemischtwarenladen mit qualitativ höchst unterschiedlichem Angebot. In den achtzehn Taschenbuchreihen erscheinen Klassiker ebenso wie Krimit (Agatha Christie und Edgar Wallace), Science-fiction, Ratgeber und wissenschaftliche Literatur.