Philosoph der Verschwendung

Von Traugott König

Man weiß es heute: Bataille ist einer der wichtigsten Schriftsteller seines (das heißt: unseres) Zeitalters. Diese lapidare Feststellung von Michel Foucault leitet die seit 1970 bei Gallimard erscheinende Gesamtausgabe des französischen Schriftstellers ein.

Für die wenigen, die bei uns Georges Bataille kannten, war er der Autor einiger obszöner Erzählungen, in denen de Sadesche Exerzitien durch Schrecken vor unwiderstehlichem Wahnsinn und zwanghafte Sakrilege gesteigert wurden. Manche hatten Sartres ablehnenden Aufsatz "Ein neuer Mystiker gelesen". Viele glaubten eine Affinität zum Faschismus bei ihm zu entdecken, anderen erschien er von typisch romanischer verklemmt-katholischer Erotik. Wie so oft muß auf dem Weg von Frankreich nach Deutschland wichtige geistige Konterbande verlorengegangen sein oder sich in ihr Gegenteil verwandelt haben. Denn Georges Bataille, der in Frankreich aus keiner Diskussion mehr wegzudenken ist und auch im angelsächsischen Sprachraum längst rezipiert wurde, kann unter anderem als einer der scharfsinnigsten antifaschistischen Aufklärer und unerbittlichsten Verdammer kapitalistischer Lebens- und Denkweise gelten.

Georges Bataille, geboren 1897, gestorben 1962, war zunächst eng verbunden mit der für die europäische Literatur und Kunst so folgenreichen Bewegung des Surrealismus, eine unmittelbare Reaktion auf den Ersten Weltkrieg, der vermutlich eine unvergleichlich tiefere Erschütterung des europäischen Bewußtseins zur Folge hatte als der Zweite Weltkrieg. Als das durch moderne Ökonomie und Technik potenzierte Massaker begann, zeigte sich blitzartig, was sich hinter der angeblichen Herrschaft der Vernunft verborgen hatte. Die Surrealisten, die sich wie fast die gesamte europäische Avantgarde zur sozialistischen Revolution bekannten, reagierten auf den Zusammenbruch der rationalistischen Heuchelei, indem sie die zusammenhanglosen Bildassoziationen des Unbewußten zu Tage förderten und in ihren Produktionen zu provozierenden Montagen des "Nicht-Zusammengehörigen" verbanden. Die häufigste Montage, die sich vor allem in der Malerei und im Film manifestierte, war die der Weichheit des Organischen mit der Härte des maschinell gefertigten Metallischen – das Messer, das das Auge durchschneidet in Buñuels Film Un chien andalou. Das war die Wiedergabe der Zerstörungsmontage der Schlachtfelder: der Stahl der Granaten im Fleisch von Mensch und Tier. So versuchte man den äußeren Zusammenbruch der rationalistischen Fassade zu beschwören, indem man ihn aus dem inneren Unbewußten hervorkommen ließ.

Dieser "idealistischen" Entäußerung der Innenwelt setzte Georges Bataille, der dann 1929 mit seiner Zeitschrift Documents eine Gegengruppe zur surrealistischen Gruppe von André Breton gründete, eine "materialistische" Revolte entgegen, indem er die in den menschlichen Gesellschaften real vorhandenen Gegenströmungen zum katastrophalen Rentabilitätsprinzip kapitalistischen Rationalität bewußt machte: die Raserei der Mystik, der Erotik, des Opfers, der Kunst, der Besudelung und der Verschwendung. Die Zerstörungskraft, die im Weltkrieg über die Menschen kam, versuchte Bataille als verdrängte Lebenskraft der orgiastischen Selbstbefreiung und Souveränität des Menschen zugänglich zu machen. Als die Vernunft der Aufklärer zum Rentabilitätsprinzip verkommen war, rettete er deren emanzipatorischen Anspruch durch einen Appell zu rentabilitätsfeindlicher Selbstverwirklichung, für die er reale Chancen nur in einer nicht profitorientierten Gesellschaft sah.

Die Herrschaft des Faschismus hatte jedoch jedes irrationale Denken als tödliche Gefahr derart in Mißkredit gebracht, daß es ein dringendes Gebot der Selbstreinigung war, die Vernunft der Aufklärer neu zu entdecken und neu einzuüben. Aber die Tatsache, daß die Vernunft der Aufklärer ideologisch zur Legitimierung der kapitalistischen Gesellschaft und ökonomisch-technisch zur Maximierung kapitalistischen Profits verkommen war, konnte durch ihre Wiedereinsetzung nach dem Faschismus nicht aus der Welt geschafft werden. Mit dem Aufbau einer modernen Industriegesellschaft unter amerikanischer Führung etablierte sich eine Vulgärsoziologie und Vulgärpsychologie, die letztlich den Produktions- und Konsumtionsprozeß störungsfrei halten sollten. Auch die gesellschaftskritische Theorie der Linken verfeinerte und präzisierte oft nur die Aussagen der gesellschaftsstabilisierenden Theorie. Auf der anderen Seite schien für die neubeginnende Industrialisierung des "sozialistischen Lagers" die Herrschaft des Rentabilitätsprinzips eine Überlebensnotwendigkeit. Erst mit der alarmierenden Erkenntnis der tödlichen Gefahr fortschreitenden Wachstums gewinnt das Werk von Georges Bataille erneut und in unvergleichlich stärkerem Maße Aktualität.

Um anthropologische Aufklärung geht es bereits in der erotischen Prosa, die von der strengsten Gegenposition zum Rentabilitätsprinzip in der Erotik, zur Lustmaximierung durch Sexualhygiene, entworfen wurde. Bataille weckt das Empfinden dafür, daß das Tabu gerade wesentlicher Bestandteil der Erotik ist, weil sie erst in dessen Übertretung entsteht: "Es gibt nicht eine einzige Art von Widerwillen, in der ich nicht eine Affinität zum Verlangen erkenne. Der Schrecken vermischt sich zwar nie mit der Anziehung: aber wenn er sie nicht aufhalten, nicht zerstören kann, verstärkt der Schrecken die Anziehung." Indem die Sexualhygiene diesen Schrecken und seine Anziehung leugnet, errichtet sie im Grunde ein um so gebieterischeres Tabu. Bataille evoziert eine Erotik, die sich willentlich der Anziehung immer entsetzlicheren Schreckens überläßt und eben darin ihre souveräne Selbstverwirklichung findet. Die Obsession dieser Erotik geht nicht von einer sie aseptisch einschränkenden Genitalität aus, sondern vielmehr von einer überströmenden Besudelung mit allen Körpersäften, die aus allen Körperöffnungen dringen: Tränen, Urin, Blut, Schweiß, Speichel, Erbrochenes, Sperma. In der Geschichte des Auges ist das obszöne Agens die Obsession der Wandlungen der eiförmig, weißlich-glibbrigen Augenform vom Hühnerei, dessen Schale von einem weiblichen Geschlecht geknackt wird, über die Hoden des in der Arena getöteten Stiers, die roh verzehrt werden, bis zum gebrochenen Menschenauge eines vergewaltigten Priesters, das in einer Vulva steckt. Die aufklärende Wirkung solcher Prosa besteht darin, daß der Leser durch ein fasziniert teilnehmendes Entsetzen sich selber erkennt und erfährt und nicht mehr einen Teil seines Wesens verleugnen kann, der ihm andernfalls zur Katastrophe wird. Die obszöne Wandlung des Auges durch immer neue Verpflanzungen ist nur ein Beispiel für die allumfassende Obsession, daß der gesamte Kosmos, von dem wir uns arglos einhüllen lassen, obszön sei: "Anderen mag das Universum anständig erscheinen. Den anständigen Leuten erscheint es anständig, weil sie kastrierte Augen haben. Darum fürchten sie die Obszönität. Doch sie empfinden keinerlei Angst, wenn sie den Hahnenschrei hören oder den gestirnten Himmel entdecken..., die Milchstraße, diesen seltsamen Strom von Astralsperma und himmlischen Urin, der quer durch die Schädelwölbung der Gestirne fließt: offener Spalt am Scheitel des Himmels." Batailles erotische Erzählungen sind weit von Pornographie entfernt, ihre Sprache wirkt beschwörend und zugleich keusch und knüpft ausdrücklich an Erfahrungen der Mystiker an: "Die Lust wäre verächtlich, wenn es nicht ein überwältigendes Überschreiten wäre, das nicht nur der sexuellen Ekstase vorbehalten ist. Die Mystiker haben es in gleicher Weise erfahren." Batailles von der Mystik übernommene Meditationsmethode erhielt ihre eigentliche Nahrung durch die intensive Beschäftigung mit Ethnologie und Kulturanthropologie. Zusammen mit Michel Leiris und Roger Caillois gründete er 1937 ein College de Sociologie, in dem ein kleiner Kreis von Verschworenen sich um ein Verständnis der "Heiligen" bemühte. Für Bataille wurde in seiner 1957 erschienenen Studie L’erotisme (Der heilige Eros 1963) die dialektische Bewegung zwischen der Kontinuität des allgemeinen Lebensprozesses und der Diskontinuität des einzelnen Lebewesens zur Formel einer der anthropologischen Grundstrukturen: Durch Arbeit zur Selbsterhaltung erhält das einzelne Lebewesen seine Diskontinuität gegenüber der Kontinuität des allgemeinen Lebensprozesses aufrecht. Aber ständig hat es mit der Versuchung zu kämpfen, der Mühsal dieser Aufrechterhaltung seiner Diskontinuität zu entkommen, indem es in die Kontinuität, die es umgibt und aus der es stammt, zurücksinkt. Mehr noch: ohne das Übergreifen der Kontinuität auf die Diskontinuität, wie es in der Sexualität und im Tod geschieht, ist die Diskontinuität des einzelnen Lebewesens gar nicht möglich. Was gemeinhin das Todesbewußtsein als Wesensmerkmal des Menschen und was für Freud die Einheit von Libido und Todestrieb ist, ist für Bataille der Schrecken und die Anziehung der Kontinuität. Die abstraktere Formel ermöglicht ihm eine Erklärung des Grundphänomens aller Urreligionen: des Gegensatzpaares von Tabu und Übertretung. Die Einheit des streng geregelten Wechsels von Tabu und Übertretung ist das Wesen des Heiligen. Die monotheistischen Universalreligionen des Judentums, des Christentums und des Islams haben diese heilige Dualität gespalten. Heilig blieb nur das Tabu, die Unverletzlichkeit und Anbetung Gottes, während die Übertretung als Sünde und Sakrileg in die unheilige Welt des Teufels verbannt wurde. Damit schufen diese Religionen zugleich die unheilige Gewalt und die unheilige Prostitution. Denn wie jene keine heilige Übertretung kennen, so kennen diese kein heiliges Tabu.

Philosoph der Verschwendung

Das am weitesten reichende und für uns aktuellste Ergebnis seiner Denkmethode hatte Bataille bereits 1949 mit dem Entwurf einer Allgemeinen Ökonomie vorgelegt, die unter dem befremdenden Titel La part maudite (Der verfemte Teil) erschienen war und im Deutschen unter dem Titel Die Aufhebung der Ökonomie mit zwei verwandten Schriften zu dem 1. Band des theoretischen Werkes zusammengefaßt wurde, der 1975 bei Rogner & Bernhard erschien. Auf noch folgenreichere Weise war es hier gelungen, aus unserer kapitalistischen Gesellschaft gleichsam herauszuspringen und von außen phänomenologisch Grundstrukturen zu erfassen, die von innen nicht erkennbar waren, weil sie verdrängt und verschüttet wurden. Indem er, die kapitalistische Ökonomie nicht-kapitalistischen Ökonomien konfrontierend, die ökonomische Tätigkeit allgemein mit dem globalen Vorgang der Energieerzeugung und Energieabgabe des organischen Lebensprozesses in Zusammenhang brachte, erkannte er dessen Grundstruktur auch als die der Ökonomie: Jedes Lebewesen verfügt über mehr Energie, als zu seiner Selbsterhaltung und Fortpflanzung nötig ist. Sind die Grenzen des Wachstums und der Reproduktion erreicht, muß die überschüssige Energie ohne Nutzen verschwendet werden. Das gilt in verstärktem Maße für die ökonomische Tätigkeit des Menschen. Denn da diese nichts andres als die Erzeugung und Nutzung zusätzlicher Energie zur Steigerung von Wachstum und Reproduktion ist, ist zwangsläufig auch ein größerer Teil überschüssiger Energie nutzlos zu verschwenden. Diese Aussage steht in diametralem Gegensatz zum Grundgesetz der Industriegesellschaften. Für sie ist Produktion und Wachstum unangefochten der höchste Wert und eigentliche Zweck der Ökonomie, während Konsum und Reproduktion nur deren Mittel bildet und alles, was keinen Profit bringt, verfemt wird, der verfemte Teil der Ökonomie ist. Bataille dagegen hatte entdeckt, daß für viele Kulturen, entsprechend dem Grundgesetz von der notwendigen Verschwendung überschüssiger Energie, gerade die Verschwendung höchster Wert und eigentlicher Zweck ist, dessen Mittel die Produktion nur bildet. Heilig ist daher alles, was durch Opferung, Zerstörung, Schenkung, Erhaltung unproduktiven Lebens, Errichtung unproduktiver Monumente aus der Zweck-Mittel-Beziehung, aus dem Produktions- und Konsumtionszirkel herausgerissen werden kann. Er zeigte das an drei besonders ausgeprägten Beispielen: am skandalösen Menschenopfer der Azteken, am ruinösen Rivalitätsgeschenk der Indianer (potlach) und am unproduktiven Mönchswesen des lamaistischen Tibet. Damit belegte er seine Überzeugung, daß die willentliche und durch Regeln geheiligte Verschwendung das Wesen des Menschen ausmache. Denn solange der Mensch nur seine Reproduktion sichere, unterscheide er sich nicht vom Tier. Seine Souveränität und Selbstverwirklichung finde er erst, wenn er den mit Schrecken wahrgenommenen Verschwendungsprozeß des Lebens, den das Tier nur erleidet, in einer bewußten Verschwendungsorgie übertrumpfe. Es ist deutlich, daß das eine intimere Verdammung der nach dem Rentabilitätsprinzip ausschließlich profit- und wachstumsorientierten Industriegesellschaft einschließt als der sie rational verdammende Marxismus. Dennoch sah Bataille 1949 als einen möglichen Ausweg sich abzeichnen, daß es der Stalinschen Industrialisierung gelingen könnte, nach Überwindung der materiellen Not eine bedarfsorientierte Produktion zu ermöglichen, die der Selbstverwirklichung des Menschen dienen würde. Einen Ausweg für die westliche Welt sah er in einer bedingungs- und kostenlosen Wirtschaftshilfe der reichen Länder an die armen, wie sie seinerzeit der Marshallplan zu eröffnen schien. Von beiden Lösungen sind wir heute weiter denn je entfernt. Dagegen weiß jetzt jedermann, daß der Produktions- und Wachstumswahn der Industriegesellschaften zu den größten Verschwendungskatastrophen der Geschichte und zur Ausplünderung des Planeten geführt hat und daß letztlich auch der Hunger der Weltbevölkerung außerhalb der industrialisierten Enklaven durch eben jene Ausplünderung verschuldet ist. Denn durch Raubbau verursachte Katastrophen sind nach Bataille das Gegenteil von souveränen Verschwendungsorgien.

Einen praktischen Ausweg aus dieser Situation kann das Werk von Georges Bataille also nicht weisen, wohl aber kann es zu einer Aufklärung anthropologischer Grundstrukturen anregen, deren fortschreitende Verkennung – für deren Ursache eine Untersuchung noch aussteht – zu dem globalen Dilemma geführt hat.

Man mache einmal folgendes Experiment: Überall, wo das Wort "Vernunft" oder "Rationalität" auftaucht, ersetze man es durch das Wort "Rentabilitätsprinzip". Wer bei diesem Experiment erschrickt, den dürfte sein Erschrecken für das Werk Batailles empfänglich machen.