Von Marion Gräfin Dönhoff

Washington, im März

Müssen wir uns mit einem neuen Konzept amerikanischer Außen- und Sicherheitspolitik vertraut machen, oder handelt es sich bei den ersten Ausflügen Jimmy Carters in die Weltpolitik nur um eine Veränderung des Stils? Wer heute versucht, in Washington Antwort auf diese Frage zu finden, stößt auf eine seltsame Mischung von Verwirrung und Entschlossenheit.

In seiner Antrittsrede hat der neue Präsident gesagt, sein letztes Ziel sei die Abschaffung der Atomwaffen. Wer würde dies nicht gleich ihm herbeisehnen? Wird es dazu kommen, kann es überhaupt je dazu kommen? Die Verteidigung des Westens beruht nun einmal auf der Abschreckung und diese wiederum auf den Atomwaffen, weil der Westen im konventionellen Bereich unterlegen ist. Wann also und unter welchen Voraussetzungen könnten die Atomwaffen abgeschafft werden? Erst dann, wenn die Asymmetrie beseitigt ist, wenn die letzte Konferenz in Wien und Genf stattgefunden hat und wenn eine Methode erfunden worden ist, mit der sich die Abschaffung dann auch verifizieren ließe. Ob das noch in diesem Jahrhundert erreicht werden kann, erscheint mehr als zweifelhaft.

Mit beunruhigender Beharrlichkeit hat Präsident Carter in den ersten vier Wochen seiner Regierungszeit – übrigens auch, während der Abwesenheit von Außenminister Vance und ohne je Marshal Shulman zu konsultieren, den neuernannten Berater für sowjetische Angelegenheiten im State Department – immer neue Erklärungen zum Thema Menschenrechte an die Adresse der Sowjetunion gerichtet: "Die Menschenrechte sind ein zentrales Anliegen meiner Regierung." "Ich sehe es als, meine moralische Verpflichtung an, den Menschenrechten auch in anderen Nationen Respekt zu verschaffen." Wieder fragt man sich: Kann Carter das? Wie macht er das?

Die Amerikaner sind es zufrieden. Sie sind von neuer Dynamik erfüllt und setzen volles Vertrauen in Carter. Viele sind begeistert von der festen Haltung, der mutigen Sprache. Das Verlangen nach moralischer Motivierung der sonst allzu schnöden Politik, nach Verwirklichung der großen Menschheitsideale, um deretwillen ihre Vorväter einst die alte Heimat verlassen hatten, war in diesem Volk zu allen Zeiten lebendig. Im Gefolgte von Vietnam und Watergate aber ist dieses Bedürfnis nun offenbar unstillbar geworden, zumal die kühle, rationale Politik Kissingers den Mangel an herzerwärmender Rhetorik wohl noch spürbarer hat werden lassen.

Vieles von dem, was derzeit geschieht, ist überhaupt nur als Reaktion auf die vorangegangene Epoche zu verstehen, in der Kissinger auf den Vorwurf, er vernachlässige die Menschenrechte, geantwortet hatte: "Schmerzliche Erfahrung sollte uns gelehrt haben, daß wir unsere Möglichkeiten, soziale und politische Veränderungen in anderen Ländern zu bewirken, nicht überschätzen dürfen."