Mannheim

Es kam nicht anders als erwartet. Howard Hughes, schon zu Lebzeiten mit vielen Fragezeichen über seinen Lebenswandel behaftet, ließ die Journalisten auch nach seinem Tode nicht im Stich. Er hinterließ, als er im April letzten Jahres starb, Milliarden. Ja, aber wem? Der schrullige Finanzmagnat suchte sich einen besonders heiklen Ort für seinen Abschied vom irdischen Schattendasein der letzten Jahre aus, als er auf einem Flug von Acapulco/Mexiko nach Houston/Texas das Zeitliche segnete. Das entfachte, einen Streit um die Erbschaftssteuer, noch ehe der Kuchen zur Verteilung kam.

Zwar fand sich bald nach seinem Tode sein Testament in den Büchern einer methodistischen Kirche in Kalifornien, doch tauchte ein weiterer Letzter Wille auf, dann noch einer. Jetzt sind es mittlerweile zwei Dutzend. Der im Alter so menschenscheue Mann machte sein Geld im Ölgeschäft, in der Flugzeugbranche und in den Filmateliers von Hollywood. Einen Teil davon gab er allerdings mit den Schönen der Leinwand wieder aus, als er noch jung und ein wagemutiger Flieger war.

Dem Obersten Gericht der Spielerstadt Las Vegas obliegt es nun, das echte unter den angebotenen Testamenten herauszufinden. Als das im Augenblick authentischste gilt jenes Exemplar, das sich im Kirchlein fand. Amerikanische Schriftexperten untersuchten es eingehend, doch zu einem einstimmigen Urteil scheinen sie nicht gekommen zu sein. Mindestens einen Fachmann wollte man noch aus Europa hören.

Die Wahl fiel auf den Ordinarius für Psychologie an der Universität Mannheim, Professor Dr. Lothar Michel. Er lehrt als einziger Professor der Bundesrepublik das Fach „Schriftvergleichung“, das bekanntermaßen mit Graphologie nichts im Sinn hat, und gilt als Kapazität auf dem Gebiet der forensischen Wissenschaften. Mit Hilfe von Schriftvergleichen können Fachleute durchaus den Urheber einer Handschrift herausfinden. Bewegungsvollzug und bestimmte Besonderheiten der Buchstaben sind Merkmale, mit denen er etwas anzufangen weiß.

Gerade bei Testamenten kann da vieles faul sein, denn verständlicherweise mag dem Schreiber die Hand besonders zittrig übers Papier geglitten sein.

Da stand er, der Professor aus Mannheim, die Hand zum Schwur erhoben, daß er nichts verlauten lasse über den Inhalt des Testamentes und das Ergebnis seiner Untersuchung. Streng bewacht von zwei schwerbewaffneten Herren, die ihn während seines Aufenthaltes in Las Vegas nicht aus den Augen ließen, durfte er sich über das geheimnisvolle Schriftstück beugen. Anfassen galt allerdings nicht. Der Letzte Wille des Howard Hughes liegt, sofern echt, eingeschweißt in einer Glashülle. Nur mit dem Mikroskop bewaffnet und ausgestattet mit seiner Erfahrung verglich er Buchstaben um Buchstaben mit einer Handschrift, die nachweislich aus der Feder von Hughes stammt. Daß die Skepsis der Richter berechtigt ist, mag zum einen die Schar der bereitwilligen Erben erklären, zum anderen die Geschichte um die gefälschten Hughes-Memoiren des Clifford Irving, der darob in den Knast wanderte.