Die Eigentümer der britischen Werften kritisieren Londons Entschädigungspraxis

Am Ufer des Clyde unweit von Glasgow liegt ein Supertanker im Rohbau auf der Helling der Werft Scott Lithgow. Die Arbeit ruht seit dem letzten Sommer, als der Auftraggeber Maritime Fruit Carriers den Bau nicht mehr finanzieren konnte. Seitdem suchten die schottischen Schiffbauer einen neuen Käufer. Die Bemühungen waren jetzt erfolgreich – dank 20,5 Millionen Pfund aus der Staatskasse im fernen London. Diese Summe erhielt Scott Lithgow, um dem Reeder Niarchos den Kauf des 260000 Tonnen tragenden öltransporters schmackhaft zu machen, denn der Grieche bestand auf einem beträchtlichen Abschlag von den Baukosten.

Scott Lithgow ist die erste Werft, die sich aus dem mit 226 Millionen Mark gespeisten "Interventionsfonds" bedient, den die Labourregierung eingerichtet hat. Damit sollen "kurzfristige Aufträge gesichert werden, um eine Reihe von Werften zu retten, die sonst untergehen würden" (Industrieminister Gerald Kaufman). London unterrichtete die EG-Kommission über diesen nationalen Fonds zur Subventionierung von Verlustaufträgen und benutzte ihn, ohne eine Erwiderung abzuwarten. Großbritannien, so beteuerte Kaufman, bleibt ein "nachdrücklicher Befürworter einer Gemeinschaftspolitik für den Schiffbau", aber "die Krise hat so weit um sich gegriffen, daß wir nicht länger warten konnten".

Der Schiffbau ist eine der beiden Industrien, die Großbritannien in Kürze in Staatsbesitz überführen wird. Die andere ist die Flugzeugindustrie. In beiden Fällen handelt es sich um Branchen, deren Zukunft keineswegs gesichert ist und die schrumpfen müssen. Dies gilt in besonderem Maße für die Werften.

Seit das Gesetz zum erstenmal eingebracht wurde, sind zwei Jahre vergangen. Immer wieder hat die Regierung die Verzögerung der Verstaatlichung beklagt, weil sie die Ungewißheit vergrößere und die Überlebenschancen der Industrien schwäche. Aber sie hat selbst zu dieser Verzögerung beigetragen. Sie hat die Verstaatlichung beider Industrien in einem Gesetz zusammengefaßt und weigerte sich, Schiffsreparaturbetriebe aus dem Gesetz herauszunehmen, obwohl über diesen Punkt ein gesetzestechnisches Gerangel einsetzte. Schließlich kam es darüber zueinem hitzigen inner- und außerparlamentarischen Zermürbungskampf, der die Verabschiedung immer weiter hinausschob. Erst vor zwei Wochen gestand die Regierung ihre Stümperei ein, gab in einem substantiell unwichtigen Detail nach und machte damit den Weg zur Nationalisierung frei, die nun zunächst für den Flugzeugbau, anschließend für die Werften vollzogen wird.

Von der Verstaatlichung in der Flugzeugindustrie sind hauptsächlich zwei Unternehmen betroffen, die British Aircraft Corporation (BAC) und die Flugzeug- und Lenkwaffeninteressen der Hawker-Siddeley-Gruppe. Außerdem wird die kleine Firma Scottish Aviation unter die staatlichen Fittiche genommen. Die in der British Aerospace Corporation (BAC) zusammengefaßte Industrie unter Vorsitz des früheren Labour-Industrieministers Lord Beswick soll dann in zwei Bereiche gegliedert werden, Flugzeugbau sowie Lenkwaffen und Raumfahrt.

Der Staatskonzern wird außer mit personellen und organisatorischen Schwierigkeiten, die eine solche Umstellung mit sich bringt, sehr schnell mit der chronischen Misere der britischen Flugzeugindustrie konfrontiert werden. Der Industrie mangelt es an Aufträgen, im zivilen Bereich mehr als in der Rüstung. Sowohl BAC als auch Hawker Siddeley fehlt es auf der zivilen Seite an neuen Projekten. BAC findet zwar immer noch einige Kunden für das relativ erfolgreiche Kurzstreckenflugzeug 1-11, aber dieser Typ läuft aus. Das Concorde-Desaster hat schon mehr als tausend Beschäftigte arbeitslos gemacht, und wenn das Überschallflugzeug aus New York ausgesperrt bleibt, dann sind die Aussichten noch düsterer. Hawker Siddeley wird in Kürze unter Auftragsmangel leiden, wenn der Trident-Auftrag für China ausgeführt ist. Für den europäischen Airbus fertigt das Unternehmen lediglich die Tragflächen. Besser sieht es im militärischen Bereich aus, vor allem für BAC mit seiner Beteiligung am europäischen Tornado-Projekt. Hawker versucht mit Macht, den Aufklärer Nimrod für das Frühwarnsystem der Nato durchzusetzen.