ARD, Freitag, 11. März: "Ein Volksfeind" von Ibsen, Regie Georg Marischka

Dilettantischer als Georg Marischka kann man Ibsens "Volksfeind" nicht inszenieren – dilettantischer und langweiliger nicht. Das war kein Fernsehstück, das war schlechtes Theater: Statt vor den Kameras zu spielen, rezitierten die Akteure einen Bühnentext, der papieren und schriftsprachlich klang. Nein, hier wurde nicht gespielt, hier wurden altvorderliche Wendungen zur Darbietung gebracht, steif und pathetisch zugleich. Verhunzt ein Stück, dessen Wirkung nicht zuletzt auf seinen gestischen Elementen beruht, dem Händereiben und Briefschwingen, dem dröhnenden Gepolter und lauten Gelächter. Wie spielen da die Requisiten mit bei Henrik Ibsen, die Pfeife der Titelfigur, sein Käppchen und der Regenschirm, mit dessen Hilfe er den Stein unterm Schrank hervorzieht, den Stein, den ihm der Mob ins Zimmer geworfen hat!

Welch eine Figur, dieser Stockmann, der, weil er nur sich selbst sieht und über seinem heiligen Ego die Gesellschaft vergißt, am Ende kläglich Schiffbruch erleidet. Welch eine Figur noch einmal – ein Pionier, der sich inmitten der Kleinbürger, Realpolitiker und Kompromißler wie ein Übermensch à la Nietzsche geriert. Ein Schatzgräber unter den Spießern und Krämern, das Hohelied des Lebens anstimmend, vital und verwegen. Ein Mann, der gern von "alten Knaben" spricht, von "flotten Leuten" und "schlauen Kerlen". Ein Superman mit seiner Ausrufungszeichen-Rede, seinem ausladenden Gang und der Herzhaftigkeit seiner Gefühle. Dr. Stockmann, der zum Volksfeind wird, weil er sich nicht einfügen kann: unfähig, der Situation entsprechend zu reagieren – ein Mensch ohne Realitätssinn und ohne die Fähigkeit, sich sozial zu verhalten. Eine Figur, die großtut, aber nicht groß ist. Zur Tragik reicht es ihr nicht, im besten Fall zur Tragikomik.

Wie immer einer Stockmann spielen mag: als Intellektuellen (so hat ihn, wie Alfred Kerr berichtet, einst Stanislawskij dargestellt – einen Denker mit jüdischen Zügen), als Draufgänger oder verbohrten Idealisten... ein Zug von Komik, von Posse und Ulk muß immer dabei sein, wenn Stockmann mit Schlafrock, Käppchen und Regenschirm für den Vitalismus einsteht, wenn Bruder Lustig als Aristokrat die Plebs und die Mehrheit verachtet. Wie ungereimt wirkt dieser Paladin Nietzsches, der so idealistisch tut und unfähig ist, sich den Namen eines Dienstmädchens zu merken (denn es gehört bekanntlich zum Wesen des Herrn, Domestiken als namenlos zu betrachten): ein Umweltschützer, der sich vor Freude nicht halten kann, als er den Brief in Händen hält, der ihm seine Vermutung bestätigt, daß das Wasser des Badeorts infiziert sei. Da schwingt er das Schreiben durch die Luft, geht auf und ab und spricht von Neuigkeit und großer Entdeckung – Thomas Stockmann Superstar!

Stockmann, der Lebenskünstler und Solipsist, der ewige Entdecker und komische Kauz, ein Moralist, der über Leichen geht, und ein kindlichmaßloser Draufgänger, lebenslustig und ohne Verstand: nichts von alledem wurde gezeigt. Die Zwienatur dieses seltsamen Burschen blieb unentdeckt. Peter Ehrlich, vom Regisseur falsch gelenkt, spielte einen braven Idealisten und grundredlichen Mann.

Doch eben das ist nur die eine Seite jenes "Volksfeinds", der, sieht man genauer hin, tatsächlich alle Voraussetzungen hat, um ein Volksfeind (ohne Anführungsstriche) zu werden.

Die Ansage trog; Ibsens Drama hat mit Umweltschutz nur insofern zu tun, als hier jemand am Werk ist, dem der Nachweis der Verseuchung recht ist, weil er sein Selbstgefühl hebt. Momos