Daß auch heute noch die Möglichkeit besteht, in der Erwartung großer Gefahren nicht zu verzagen, die durch die Kernkraftwerke und die Umweltverschmutzung drohen, zeigt das Beispiel von Herrn. Oberhäuser. Er erfüllt allerdings zwei Voraussetzungen: Er ist intelligent und liest die Bücher der „Science-fiction“. Ferner ist er wohlhabend und auch aktiv genug, die Konsequenzen zu ziehen. Auf unsere Fragen gab er bereitwillig Auskunft. (In folgendem Text steht „Z“ für ZEIT, „O“ für Oberhäuser.)

Z: Warum haben Sie Ihr Haus so und nicht anders gebaut?

O: So ist Ihnen die hohe Lage bereits aufgefallen? Nun, der Sinn des Hauses auf dem Dach liegt auf der Hand. Ich folgte hier zunächst den Überlegungen der Wissenschaftler vom National Hurricane Center in Miami. Sie dachten über die Sturmflut nach, die 1737 im Ganges-Brahmaputra-Delta 300 000 Menschen vernichtet hatte. Vermutlich hatte hier ein Zyklon das Meer um sechs Meter gehoben. Sofort nach dieser Vermutung alarmierten sie die Bevölkerung und schlugen vor, daß im Inneren des Deltas Dämme gebaut würden, hinter denen die Menschen sich bei Annäherung eines Zyklons verbergen könnten. Sei es, daß die Bevölkerung leichtsinnig, sei es, daß sie nur mittellos war: wer beschreibt das Erstaunen, als bald darauf, nämlich im Jahre 1970, am gleichen Ort genau die gleiche Katastrophe passierte. In Miami aber wurde aus der Vermutung eine Gewißheit: sechs Meter!

Z: Gab es Tote?

O: Wieder 300 000 Menschen.

Z: Nun, wir sind nicht im Ganges-Brahmaputra-Delta, sondern in Bremen. Zyklone, die das Meer und die Weser in so gefährlicher Weise anheben könnten, sind wohl hier nicht ohne weiteres zu erwarten.

O: Ja, das ist ein sehr interessanter Einwand. Nordsee-Stürme sind harmlos, gemessein an den tropischen Wirbelstürmen. Doch weiß man, daß diese häufig in Richtung Europa abdrehen. Bisher haben sie sich freilich immer dabei aufgelöst. Aber wissen wir, ob sie dies auch in Zukunft tun? Nein, wir wissen es nicht. Noch nicht. Den Küstenbewohnern Floridas hat immerhin das National Hurricane Center in Miami geraten, auf die hübschen, kleinen Bungalows zu verzichten und in solide Hochhäuser zu ziehen, das heißt: für größere Sicherheit ein ästhetisches Manko in Kauf zu nehmen. Ich bin hier allerdings einen Schritt weitergegangen, indem ich den häßlichen Kollektiv-Hochbau durch ein reizendes individuelles Haus krönte.

Z. Aber hätten nicht sieben Meter genügt? Mußte es das Zehnfache sein?

O: Als die Raumsonde Mariner 10 im Jahre 1974 an der Venus vorüberflog, ergab sich die willkommene Gelegenheit, sie mit dem Mars zu vergleichen. Jene warm, dieser kalt! Nicht wahr: Sie sehen die Perspektive? Der Mars hat eine durchschnittliche Temperatur von 40 Grad minus, obwohl er sich ziemlich schnell dreht, ebenso schnell wie unsere Erde. Daß er dennoch kalt bleibt, liegt an seiner dünnen Atmosphäre aus Kohlendioxyd. Die sich langsam drehende Venus mißt 500 Grad Celsius plus, und die Ursache liegt in ihrer sehr dichten Atmosphäre aus Kohlendioxyd. Nun könnten wir sagen: Was gehen uns Mars und Venus an. Aber nein.

Z: Nein?

O: Hören Sie zu: Messungen auf der Erde haben ergeben, daß unser stets steigender Energieverbrauch, verbunden mit der Umweltverschmutzung den Gehalt an Kohlendioxyd in unserer Atmosphäre unabänderlich steigen läßt. Wie lautet die Konsequenz, wenn Sie an die Venus denken? Unser Klima erhitzt sich, und dies vermehrt wiederum den Kohlendioxyd-Bestand, der erneut die Hitze steigert. Es ist eine Kette ohne Ende, eine Spirale mit ewigem Gewinde. Denken Sie an die Lohn-Preis-Spirale oder das Perpetuum mobile! Die Proteste von Brokdorf und Itzehoe sind – so gesehen – nichts anderes als Kundgebungen gegen das Kohlendioxyd gewesen.

Z: Aber welche Rolle spielt die Umweltverschmutzung bei alledem?

O: Nicht nur bei alledem, sondern bei allem spielt heutzutage die Umweltverschmutzung eine Rolle. Also auch hier! Aber kehren wir erst einmal in die Vorzeit zurück, um die Zukunft zu verstehen – längst hat die Wissenschaft festgestellt, daß der Ärmelkanal ein ehemaliger Gletscher ist. Er schmolz; er kalbte – wie die Experten sagen; er gebar England. Aber das ist noch halb so schlimm gegenüber dem, was uns bevorsteht: Schmilzt unterm Kohlendioxyd-Druck die westliche Antarktis, so hebt sich der Meeresspiegel um vier Meter. Schmelzen auch die östliche Antarktis und Grönland, beträgt die Anhebung des Meeresspiegels 60 Meter.

Z: Wenn ich das Gesagte lapidar zusammenfassen darf: Kernkraftwerke vermehren das Kohlendioxyd. Wir gehen folglich einer CO2-Katastrophe entgegen, welche die Gletscher kalben läßt. Wir werden unter Wasser gesetzt. Wenn ich Sie recht verstanden habe, ersaufen wir. Sie aber werden gerettet, weil Ihr Schiffhaus droben auf dem Dach sich bei Annäherung der Fluten in ein Hausschiff verwandelt und mit Ihnen, Ihrer Frau und Ihrem Hund davonschwimmt. Was aber, wenn sich Ihre Erwartung nicht erfüllt? Ich kann Ihnen Werke der „Science-fiction“ nennen, in denen nachgewiesen wird, daß wir mit Riesenschritten keiner Erwärmung, sondern einer neuen Eiszeit entgegengehen. Was halten Sie davon?

O: Das ist eine wichtige Frage. Die Antwort: Mein Hausschiff steht auf Kufen.