„Dichter erzählen ihre Träume“, herausgegeben von Martin Kießig. Von Träumen der Tiere wissen wir nichts, von denen der Menschen einiges. Diese Träume sind, als Erscheinungen der Menschenwelt genommen, zwar auch nicht leicht zu deuten, aber immer noch leichter als die Träume eines einzelnen Menschen. Traumdeutung gibt es schon, Traumometrie noch nicht. Das kommt noch. Die Träume der Dichter gehören zu dem Geheimnisvollsten an der Dichtung. Die Psychologie hat sich mit ihnen beschäftigt, auch die Psychoanalyse, auch Ludwig Klages, etwa in seiner Schrift „Vom Traumbewußtsein“. Das vorliegende Buch verzichtet auf erdichtete Träume und sammelt statt dessen 254 „wirkliche“ Träume von Dichtern, fügt 30 Seiten mit Aussprüchen von Dichtern über Wesenszüge des Traumes an und führt in einem Nachwort in das rechte Verständnis des Traumes ein. 72 Schriftsteller sind vertreten, am stärksten die neuere Zeit. Träume, sind Wunder. Dies ist also in jeder Hinsicht ein wunderbares Buch und unerschöpflich, weil immer zu erneutem Lesen reizend, sprachlich von höchstem Reiz, menschenkundlich: ein Schatzhaus. Ob man schöner, reicher, länger danach träumt, habe ich noch nicht probiert. Ich halte es für möglich. Denn im Traum ist kein Ding unmöglich. Das ist in diesem Buch – bewiesen. Es weiß mehr als jede Wissenschaft, aber es deutet das nur an. (Selbstzeugnisse deutscher Dichter aus zwei Jahrhunderten; Verlag Urachhaus, Stuttgart, 1976; 398 S., 32,– DM).

Hans Kasdorff

„Beschwingter Stein“, Gedichte zeitgenössischer Dichter aus Jugoslawien, gesammelt und nachgedichtet von Ina Jun Broda. Diese Anthologie setzt entschieden konservativere Akzente als die seinerzeit in der Eremiten-Presse erschienene kleine Sammlung „Junge jugoslawische Lyrik“ von Ivan Ivanji. Die Herausgeberin, die noch im Zagreb der Monarchie geboren wurde, hat eine erkennbare Vorliebe für herkömmliche Töne, und das wirkt sich nicht durchweg so günstig aus wie im Anhang des Buches, wo autochthone Volkslieder und ein paar beeindruckende Proben jugoslawischer Zigeunerdichtung beigebracht werden. Im Hauptteil, in dem die Texte unter den Stichworten „Ich“, „Du“, „Das Land“, „Passion“ und „Lyrische Diskussion“ thematisch gegliedert wurden, überwiegen ländliche und religiöse Stimmungen. Sogar Lyriker wie Vasko Popa und Oskar Davičo lassen im Kontext so vieler sich elegisch und geruhsam verlautbarender Autoren nur bedingt erkennen, daß sie mit ihren avantgardistischen Werken die jugoslawische Lyrik längst auf internationaler Ebene repräsentieren. Hier, als Probe für den Tenor dieser mit liebevoller Rückwärtsgewandtheit ausgesuchten und dargebotenen Texte, der Auftakt eines Gedichts von Blaze Koneski: „Stickerin, sag doch, wie kann ich empfangen / dies schlichte und strenge makedonische Lied, / in diesem Herzen voll Aufruhr und Bangen, / in Nächten, in denen der Schlaf mich flieht? ...“ (Jugend und Volk, Wien/München, 1976; 140 S., 22,– DM.)

Hans-Jürgen Heise

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„Elvis Presley“, von Mike Rodger. Elvis-Presley-Biographen haben eine traurige Aufgabe: Sie kommen nicht um die Tatsache herum, daß der „King“ bereits seit 1955, kurz nach seiner musikalisch glorreichen „Sun“-Periode, nur noch als kommerzielles Erfolgsphänomen der cleveren PR-Aktionen seines Managers „Colonel“ Thomas A. Parker interessant ist. So geht es auch dem in Bayern geborenen Wahl-Hamburger Mike E. Rodger, der überdies mit dem Problem kämpfen muß, nur Informationen aus zweiter Hand zu erhalten. Daran ändern auch USA-Reisen des Autors wenig, die er wie Wallfahrten beschreibt. Zum Spionage-Krimi gerät die Biographie, wenn Rodger im Sahara Hotel, Lake Tahoe, unter grotesken Mühen zu Parker vordringt. Doch der „Colonel“ läßt den Biographen nur auf Bühnennähe an Presley heran – nicht ohne vorher 20 Dollar für das Konzertticket zu kassieren. Rodger kritisiert Parkers Dollarmoral – und bewundert ihn doch. Rodger bejammert, daß sich Elvis seit 22 Jahren in einem gewinnbringenden Zustand künstlerischer Unmündigkeit halten läßt – und ist doch ein verkappter Elvis-Fan. Die Discographie ist ein unkommentierter, kunterbunter Werbeteil der Plattenfirma, die Filmographie allenfalls von historischem Interesse. Für den deutschen Leser, der nicht auf englische Fachliteratur zurückgreifen will, sind die Passagen interessant, in denen Rodger sich mit der Entwicklung amerikanischer Plattenfirmen, Urheberrechtsorganisationen, Rundfunkgesellschaften und Aufnahmetechniken beschäftigt. (Verlag Gerhard Rautenberg, Leer, 1976; 260 S., Schwarzweiß- und Farbfotos, 24,– DM.)

Bert Hensel