Von Rainer Deglmann-Schwarz

Zwischen Fels, Nebel und Piste hing ein „aiuto“ – ein nicht zu überhörender Hilfeschrei: Die Freccia-nel-Cielo-(Himmelspfeil-)Piste hatte einen Skifahrer in die Maschen ihres am Rand gespannten Fangnetzes befördert. Jedoch keine Sorge, das Opfer war schnell befreit. Der Sturzflug hatte zudem für den Skipiloten auch Sein Gutes: Auf diese Weise hatte er gleichsam schwerelos den steilsten Teil der Abfahrtstrecke zwischen Ra Valles und Col Drusciè überwunden.

Solche Notlandungen sind hier jedoch nicht an der Tagesordnung, mit etwas Vorsicht lassen sich die in den Fels gesprengten Serpentinen und der folgende Steilhang gut bewältigen. Cortinas Freccia-nel-Cielo-Bahn hebt den Skiläufer von 1240 Meter Höhe über die Zwischenstation Col Drusciè nach Ra Valles (2470 Meter), einem Hochtal, das die Skisaison bereits im November beginnen läßt und bis Mai ausdehnt. Drei Skilifte erschließen hier verhältnismäßig leichtes, welliges Pistengelände, auf dem man sich allmählich für die Abfahrt ins Tal in Form bringt. Von Ra Valles schwebt der Nicht-Skifahrer kühn und beinahe senkrecht zur Bergstation der Tofana di Mezzo (3244 Meter). Die Sicht umfaßt die venezianische Tiefebene, Bernina-Gruppe, Großglockner und Julische Alpen, überstrahlt von einer großen Dolomitensonne, die schon den Hauch der nicht allzu fernen Adria erahnen läßt.

Cortina erscheint als St. Moritz, Kitzbühel und Megève in einem. Seine Hauptstraße, der Corso d’Italia, mit den schicken Boutiquen und Hotels könnte aus der römischen Filmstadt Cinecittà stammen. Auf dem Corso präsentiert die italienische Haute Couture ihre neuesten Créationen, man trägt bodenlangen Winterpelz, etwas Western-Style mit Cowboy-Hut, Boots und Jeans, südamerikanische Ponchos; dernier cri im Après-Ski sind nach dem Diktat vom Corso d’Italia über die Knie reichende, langhaarige Ziegenfellstiefel. Der Mode-Look ist hier so bunt wie kaum anderswo: gewagt, frech, mit südländischem Design. Wie verirrt erscheint eine ganz in schwarz gekleidete Cortineser Bäuerin im Modegewimmel, sie verschwindet im Brotladen.

Von einer Wirtschaftskrise südlich des Brennet ist in Cortina und besonders am Corso d’Italia so gut wie nichts zu bemerken. Hierzu Kurdirektor Rossaro: „In Cortina haben wir uns im Lauf der Jahre ein gutes Stammpublikum erworben, darunter viele Gäste aus Rom, Mailand, Venedig. Hinzu kommen noch zwanzig Prozent Ausländer, unter welchen die Deutschen vor den Amerikanern und Franzosen an erster Stelle rangieren; einen starken Zuwachs verzeichnen wir auch aus Österreich und Japan. Im Januar haben wir ein gemischtes Publikum, das die billigen Preise ausnützt, die Weihnachtsfeiertage sowie der Monat März gehören einer anspruchsvolleren Klientel, und im Februar sind nach der Devise ‚Cortina for Lovers‘ alleinstehende Ladies am Zug.“

Juwelenschau im „De la Poste“, Galas im Renommiernachtklub Bilbos, lange Nächte im Snoopy, Bobo, Ballantines oder Cristallo: Cortinas spätes, aber dann mit 100 000 Volt aufgeladenes Nachtleben hält, was die Werbung verspricht. Dabei ist eines erstaunlich: trotz Turbulenz und Hektik der Wintersaison von Cortina findet man mitten im Ortskern, so unter dem Campanile, keine zwanzig Schritte von der Hauptstraße entfernt, noch eine Reihe von kleinen, behaglichen Bars, wo man Einheimische trifft und vielleicht bei einem Glas Roten die neuesten Geschichten aus dem Tal erfahren kann – falls man mit der ladinischen oder italienischen Sprache zurechtkommt.

Cortina hat als vielbesuchter Dolomitenort eine beinahe 100jährige Tradition. Wie in vielen alpenländischen Skiplätzen trugen auch hier die Engländer entscheidend zur Entwicklung des Tourismus bei. Um 1880 gaben sie beispielsweise den Anstoß für den Bau von Hotels. 1902 fand in Cortina zum erstenmal ein Skirennen statt, das mit heutigen Abfahrtsläufen allerdings nicht verglichen werden kann: denn die Teilnehmer mußten auf dem 20-Kilometer-Kurs einen beachtlichen Anstieg von Schluderbach nach Misurina in Kauf nehmen, ehe sie mehr oder weniger freie Fahrt in den Ort hatten. Im Jahr 1924 schließlich schwebte die erste Seilbahn auf den Pocol, was zugleich der Auftakt zur ersten Wintersaison war.