Im Wettbüro "Union Plaza Race & Sports Book. Oddsmakers" in Las Vegas stehen die Wetten vier zu fünf, daß "Network" Ende März den "Oscar" als bester Film des Jahres erhält. Den "Golden Globe", die Auszeichnung des Verbandes ausländischer Journalisten in Hollywood, gab es für "Network" bereits viermal: Für den Regisseur Sidney Lumet, für den Drehbuchautor Paddy Chayefsky, für die Schauspielerin Faye Dunaway und für den kurz nach den Dreharbeiten einer Herzattacke erlegenen Darsteller Peter Finch.

Der favorisierte Film ist eine bösartige, erfrisehend maßlose, oft brillant-treffsichere Satire auf den mächtigsten Konkurrenten der Filmindustrie: Eine wütende Abrechnung mit dem amerikanischen Fernsehen, geschrieben und inszeniert von zwei ehemaligen TV-Insidern. Der heute 53jährige Sidney Lumet begann seine Karriere beim Fernsehen, bevor er mit rund zwei Dutzend Spielfilmen ("Die 12 Geschworenen", "Angriffsziel Moskau", "Der Pfandleiher") zum Allround-Moralisten Hollywoods avancierte. Drehbuchautor Chayefsky war lange Jahre Fernsehautor.

"Nachrichten-Ankermann" nennt man im amerikanischen Kommerz-Fernsehen unseren eher betulichen Nachrichtensprecher, der mit unverbindlich-verbindlichem Gesichtsausdruck nationale Katastrophen, alltägliche Greuel und die neuen Tendenzen der Herbstmode in den Wetterbericht münden läßt. Peter Finch spielt einen solchen zentralen Nachrichtenmoderator der fiktiven Fernsehanstalt UBS. Der altgediente Howard Beale soll ausgewechselt werden, weil die vierzehntägig ermittelten Einschaltquoten sinken. Bei niedrigen Zuschauerzahlen schwindet naturgemäß das Interesse der Industrie, beim betreffenden Sender Werbezeit zu kaufen. Unerbittlich diktieren die "ratings" die Bilanzergebnisse in einem kommerziell strukturierten Fernsehnetz. Und Nachrichtensendungen bilden schon längst nicht mehr die letzten Oasen von redlichem Journalismus: Der Appeal des Sprechers und die Marktforschung nach "Nachrichten", die ein sensationslustiges Publikum gerne hören möchte, sind längst zu selbstverständlichen Präsentationskriterien geworden.

Die skrupellose Programm-Macherin Diana Christenson – Faye Dunaway verdient sicherlich einen Preis als interessanteste Fehlbesetzung des Jahres – stimulieren denn auch Gedanken an hochschnellende Zuschauerkurven gleich zu multiplen Orgasmen. Im Index-Rausch stilisiert sie den ausflippenden Beale, der unversehens in einer Nachrichtensendung angekündigt hat; er werde sich aus Verzweiflung über seine Pensionierung life vor den Kameras eine Kugel in den Kopf schießen, zum unorthodoxen Humanitätsapostel. Vor den Augen der staunenden Konkurrenz und des Nachrichten-Ressortchefs – William Holden als letzter seriöser Journalist der alten Schule – darf der "unzurechnungsfähige" Beale mit dem Durchblick des sensiblen Psychopathen gegen das Establishment toben. Die "Nachrichten-Show" komplettieren eine Wahrsagerin und eine "Mata Hari", die von "ihren Leichen im Keller" plaudert.

Während die kaltschnäuzige Diana an ihrer Karriere und einer "Mao-Tse-tung-Stunde" bastelt, in die eine "ökumenische Befreiungsfront" Amateurschmalfilme vom letzten Terroranschlag einbringt, bricht hinter den Kulissen der Machtkampf der Konzernmanager aus. Der Autor Chayefsky entwirft, wie schon in seiner preisgekrönten Vorlage zu Arthur Hillers "Hospital", das Miniatur-Universum einer amoralischen technokratischen Gesellschaft, in der alles kommerzialisierbar ist. Aus schrillen Tönen, grellen Farben, bizarren Übertreibungen und zynischen Statements mixen Chayefsky und Lumet immer wieder Szenen, in denen der Zuschauer mit dem authentischen Chaos unserer täglichen Umwelt konfrontiert wird.

Wie schon in "Serpico" und "Hundstage" überzeugt schon immer dann besonders, wenn es darum, geht, ein; scheinbar stets vor dem Kollaps stehendes hochempfindliches soziales System in knappen, actiongefüllten, schnappschußartigen Szenen mit nervösen Strichen zu proträtieren. Doch dann bricht auch wieder zu andere Seite Lumets durch, der auch stets ein wenig theatralischen und sentimentalen Botschaften einst als solider, wenn auch eher biederer Handwerker formulierte. In "Network" treffen sich solche Neigungen mit "Network" deutlichem Hang zum erhobenen Zeigefinger. Abrupt wechselt die Farce zum peinlichen Melodram.

Da muß sich William Holden als alternder Ehemann erst in die Netze der ehrgeizigen jungen Karrierefrau verstricken, um die Qualitäten seiner anständigen Ehefrau reuevoll schätzen zu lernen. Aber ist nicht der bodenständig-verwurzelte Baum, der da plötzlich dem überraschten Filmzuschauer verkauft werden soll, dieselbe Medien-Plastikpflanze, gegen die Lumet andererseits wütend zu Felde zieht? Nach kurzem sentimental-pessimistischen Intermezzo wird sogleich wieder voll durchgestartet: In aberwitzigen Konferenzen feilschen Anarchisten und Manager um Tantiemen, beschwört ein Konzernboß als Hoher Priester multinationalen Petrodollar-Glaubens supranationales Gemeinwohl, läßt das Duo Lumet-Chayefsky sich kaum ein aktuelles Problem entgehen, das sich satirisch attackieren läßt.