Das älteste deutsche Tanzbuch brachte 1703 der Leipziger „Maître“ Samuel Rudolph Behr heraus: „Anleitung zu einer wohlgegründeten Tanzkunst.“ Von Behr erschien in den „Documenta“ (Band II) ein späteres, 1713 erschienenes Werk –

Samuel Rudolph Behr: „L’Art de bien danser oder: Die Kunst wohl zu tantzen“, Nachdruck der Ausgabe von 1713, Leipzig; „Documenta Choreologica“ II; 135 S., Abb., 45,– DM.

Behr ist kein ideologischer Kämpfer wie Taubert, er ist Praktiker, dessen Hauptinteresse der Gestaltung und musikalischen Komposition von Balletten gilt. Großen Raum nehmen daher die Schilderungen von 34 Balletten ein, die der Meister für die sächsischen Höfe und die Leipziger Oper geschaffen hat. Es handelt sich um die ältesten Ballettbeschreibungen in deutscher Sprache. Die Vorbilder kamen, natürlich, aus Versailles.

Auch die anderen galanten Tanzbücher werden in den „Documenta“ nachgedruckt werden. Sie alle trugen dazu bei, die entstehende bürgerliche Gesellschaft körperlich sichtbar zu machen. 1707 brachte Johann Pasch, Leipziger wie Behr und Taubert, die „Beschreibung wahrer Tantzkunst“ heraus. Pasch war der älteste sächsische Tanzmeister, er hatte noch in Paris bei dem großen Beauchamps studiert. Der Nürnberger Patrizier Johann Leonhardt Rost, als Astronom in ganz Europa berühmt, war der erste deutsche Laien-Tanzautor. Er publizierte 1713 eine Schrift „Von der Nutzbarkeit des Tantzens“. Rost kennt und beschreibt wie kein anderer Autor seiner Zeit die Zusammenhänge von bürgerlicher Emanzipation und galantem Gesellschaftstanz.

Unter den Tanzbüchern der galanten Zeit nimmt eine Sonderstellung ein das Werk von –

Gregorio Lambranzi: „Neue und curieuse theatralische Tantz-Schul“, Nachdruck der Ausgabe von 1716, Nürnberg; C. F. Peters Musik Verlag, Frankfurt, 1977; 100 S., Abb., 50,– DM.

Dieses für die ganze europäische Tanzgeschichte wichtige Buch war bis jetzt nur in einer amerikanischen Ausgabe greifbar. Die Edition Peters legt nun wieder das Originalwerk vor. Der Verfasser, der Venezianer Gregorio Lambranzi, war offenbar in Nürnberg seßhaft. Er zeigt in seinem von kurzen deutschen Texten begleiteten Bildband die populären, von professionellen Tänzern ausgeübten Schautänze der Zeit. Das sind die pittoresken Tänze der Bauern, Handwerker, Fischer, Soldaten und Matrosen. Dazu kommen noch sämtliche Typen der Commedia dell’Arte und akrobatische Tanzakte. Lambranzi zeigt die Wurzeln und Wege der klassischen Ballett-Technik, Die Sprünge, Drehungen und Pirouetten dieser Technik stammen alle von „unten“, von den Jahrmärkten, den Bauern und der Commedia dell’Arte. Von dort aus gelangten sie in den für ein bürgerliches Publikum bestimmten Schautanz und schließlich auf die Bühnen der Höfe. Dort allerdings wurden die grotesken Tänze der Bauern und Jahrmärkte nur noch als angebliches Mittel moralisch-ästhetischer Abschreckung vorgeführt. Aber Lambranzi beweist das ganz und gar naive Vergnügen, daß diese Schautänze dem deutschen Publikum bereiteten. Erst Gottsched machte diesen Tänzen und Harlekinaden den Garaus.