Hervorragend

„Mahler“ von Ken Russell. Cosima Wagner ist eine dralle teutonische Heroine mit Stahlhelm, Peitsche und einem Hakenkreuz auf der Hinterbacke; sie läßt ihren Prüfling durch einen Feuerreifen springen, wirft Messer nach ihm und schmiedet seinen Davidstern zum germanischen Schwert Nothung mit christlichem Kreuz-Knauf. So wird der koschere Mahler zum arischen Kulturbetriebs-Knappen, so verballhornt Russell ein biographisches Detail seines Helden zum grellen, obszönen Walhalla-Comic. Gustav Mahler mit Frau Alma auf der Reise nach Wien, Erinnerungen, Szenen aus der Kindheit und der stürmischen Ehe, Phantasien, Visionen: Nach Filmen über Strauß, Debussy, Tschaikowski und Liszt hat Russell seinen bizarrsten und seinen schönsten Musikerfilm gemacht, so barock, anarchisch und barbarisch wie immer, aber noch respektloser und verrückter. Und ernster: Die Korrespondenz von Musik und optischer Phantasie ist souverän und raffiniert, man „sieht“ Mahlers Kompositionen; die filmische Form, bei aller Exzentrik, ist makellos. „Geschmacklos, kitschig, trivial“, schimpfen viele, „herzerfrischend und genial“ schwärmen andere. Nach „Mahler“ hört man Musik und sieht man Filme anders.

Wolf Donner

Beachtlich

„Der Polyp – Die Bestie mit den Todesarmen“ von Oliver Hellman. Als schmackhafte „Calamari“ erfreuen sich handliche Polypen großer Beliebtheit bei Italien-Touristen, als bösartige Riesenkraken geistern ihre Verwandten durch Seemannsgarn und Science-fiction-Literatur. In dieser italienischen Variante aus dem scheinbar unerschöpflichen Horrorzoo der Filmproduzenten schrecken üble Machenschaften eines Tunnelbau-Unternehmens ein Exemplar der eher scheuen Ungeheuer aus unergründlichen Meerestiefen auf. An Kaliforniens Küste zupft es fortan mit seinen Fangarmen unschuldige Babys vom Ufer und stört empfindlich Junioren-Regatten. Zwei possierliche Mörderwale aus dem Meerestiergarten „Marineland“ in Los Angeles verspeisen schließlich die Bestie, weil sie sich an der Frau ihres geliebten Trainers vergriffen hat. Mit prominenten Darstellern (John Huston, Shelley Winters, Henry Fonda und Bo Hopkins) und einem exzellenten Unterwasser-Team (Regie: Nestore Ungaro) inszenierte Oliver Hellman ein unterhaltsames Gruselstück. Geschickt und unverblümt mischt er Versatzstücke des Genres vom „Weißen Hai“ bis zum „Tag des Delphins“. Kino ohne hehren Kunstanspruch, Kino als gekonntes Kasperle-Theater für Freunde des Phantastischen. Bodo Fründt

Mittelmäßig

„Der schwarze Korsar“ von Sergio Sollima. Der Glanz und Glamour des unvergessenen Seeräubergenres ist matt geworden in den derzeitigen Neuauflagen. Wie schon James Goldstones „Der scharlachrote Pirat“ ist auch „Der schwarze Korsar“ des renommierten Italo-Western-Regisseurs Sergio Sollima kein Piratenfilm, nur ein Film über Piraten. Denn nicht Degenduelle oder Seeschlachten kennzeichnen dies Genre, sondern die phantasievollverschlüsselte Radikalität einer Freiheitsutopie, die Anarchie als artistisches Abenteuer zelebriert – Kindheitstraum und Traumkino par excellence. Bei Sollima gerinnt das Genre zur eher kümmerlichen Kombination aus trivialem Liebesmelodram, aufgesetztem Sozialpathos und halbherziger Parodie. Das Resultat bewirkt gepflegte Langeweile – und weckt Erinnerungen an furiosere Freibeuter als Hauptdarsteller Kabir Bedi: an Douglas Fairbanks, Errol Flynn und Burt Lancaster. Eben an Piratenfilme alten Schlages. Helmut W. Banz