Der eigentliche Härtetest steht den Indern noch bevor

Von Gabriele Venzky

Delhi, im März

Noch am Tage vor der Wahl mochte der Sieger nicht an einen derartigen Erfolg glauben, öffentlich zwar hatte Jagjivan Ram unermüdlich verkündet: "Wir werden gewinnen." Aber unter vier Augen klangen seine Zweifel durch. "Wir werden immerhin eine so starke Opposition sein, daß niemand an uns vorbeiregieren kann", meinte er, auf alles gefaßt.

Und dann dieser Erdrutsch. Das Ergebnis der indischen Wahlen ist eine Sensation. Im Jahre 1971 hatte sich Indira Gandhi mit dem Slogan Garibi hatao – Fort mit der Armut – eine Traummehrheit im Parlament erkämpft. Nun wiederholte die Opposition den Trick mit dem Schlachtruf: Indira hatao. Kaum jemand hatte es für möglich gehalten, daß Indira Gandhi ihre Kongreßpartei in eine so vernichtende Niederlage führen würde. Das erste Kapitel in der Geschichte des unabhängigen Indien – "die Nehru-Dynastie" – ist abrupt zu Ende gegangen.

"Indira ist Indien, Indien ist Indira." Jahrelang hatte die Regierungspropaganda dies den Massen eingehämmert. Aber die Gleichsetzung zog nicht mehr – spätestens seit dem Zeitpunkt, an dem Indira ihrem Volk den Knebel des Notstands verordnete, um selber unbehelligt an der Macht bleiben zu können. Die Mehrheit der Inder hat nun per Wahlstimme bekundet, wofür sie das Regiment der dritten und vierten Nehru-Generation hält: Sie sahen in Indira Gandhi und ihrem Sohn Sanjay ein Verhängnis. Mit der beschwörenden Formel des Wahlmanifests: "Der Kongreß ist das Volk" – wollten sie sich nicht mehr identifizieren.

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