Wenn vom 18. bis 29. Mai in Moskau und Leningrad der diesjährige Kongreß des der UNESCO angeschlossenen ICOM (= International Council of Museums) stattfindet, wird Dr. Arne Eggebrecht, Direktor des Hildesheimer Pelizäus-Museums, ein Unternehmen vorstellen, das unter Ägyptologen Aufsehen erregt hat. Es handet sich um das aufwendige Projekt eines Loseblatt-Katalogs aller altägyptischen Kunstschätze.

Das bedeutet: In den Museen in aller Welt befinden sich Werke der Pharaonenzeit, deren Zahl niemand genau kennt, aber sie liegt in Millionenhöhe. Davon wirklich bekannt und wissenschaftlich erforscht ist aber nur ein winziger Bruchteil. Und trotz aller eingehenden Forschertätigkeit der internationalen Ägyptologie ist unser Wissen vom alten Ägypten nur Stückwerk. Um sich ein annähernd korrektes Bild zu verschaffen, müßte jedem Wissenschaftler wenigstens eine Bestandsaufnahme zugänglich sein, die sowohl einen Überblick als auch eingehende Vergleiche und Studien ermöglicht. Das erscheint nahezu aussichtslos, bedenkt man, daß seit mehr als 150 Jahren Ausgrabungen fast täglich neue Objekte ans Licht der Gegenwart befördern, die in immenser Zahl in die Depots der viel zu kleinen Museen wandern, deren Bestände geradezu terra incognita sind.

Eben diesem Übelstand will Arne Eggebrecht jetzt abhelfen. Der so aktive wie ideenreiche Chef der Hildesheimer Sammlung (sie ist die größte Altägypten-Kollektion in der Bundesrepublik), der für sein Museum im Sommer 1976 die Echnaton-Ausstellung organisieren konnte, stellte sein Katalog-Projekt erstmals auf einem Ägyptologen-Treffen im Juni 1975 in Hannover vor. Die Idee selbst war viel älter, sie wurde bei einer Tagung in Ostberlin 1968 geboren. Als man sich dort im vergangenen Jahr wieder traf, hatte das Kind auch seinen offiziellen Namen: Corpus Antiquitatum Aegyptiacarum (CAA). Und im Oktober vergangenen Jahres präsentierte Eggebrecht das Unternehmen in einem Grundsatzreferat vor der internationalen Ägyptologie in Kairo.

Und dies ist der derzeitige Stand: Die Museen von Berlin-Ost, Berlin-West, Boston, Brooklyn, Hannover, Havanna, Hildesheim, Paris, Prag, Turin und Warschau werden das CAA jetzt in Angriff nehmen; Ägypten, Argentinien, Jugoslawien und Spanien haben ebenfalls ihre Mitarbeit zugesagt; mit Widerständen ist nicht zu rechnen, allenfalls will der eine und andere (so z. B. London) noch etwas abwarten und zusehen, wie sich das Unternehmen entwickelt. Und noch in diesem Jahr werden die ersten zehn Lieferungen publiziert werden.

Das Loseblatt-System hat sich als das einzig praktikable und ideale erwiesen. In Buchform gedruckte Kataloge der einzelnen Museen, die den kompletten Bestand verzeichnen, haben selten die Chance, jemals fertig zu werden. Beim CAA legt jede Sammlung für jede seiner Inventarnummern ein eigenes Blatt an, von der Großplastik bis zum Amulett. Die ersten vorliegenden Blätter (Westberlin, Hannover, Hildesheim) zeigen das Modell: Jedes Objekt wird vermessen und genau beschrieben, verzeichnet werden die Provenienz und die bibliographische Erfassung (soweit existent); Schwarzweißphotos zeigen das Objekt in verschiedenen Ansichten, und registriert wird natürlich auch jedwede Beschriftung. Jedes Blatt (im Format Din-A 4) wird vom Bearbeiter namentlich unterzeichnet und datiert. Ändert sich im Lauf der Jahre der wissenschaftliche Erkenntnisstand, so ist eine neuerliche Ergänzung ohne weiteres möglich. Und natürlich ist das Katalog-Schema einheitlich. –

Jedes Museum macht seine Arbeit für seinen Bestand. Als Sprache sollen nur Englisch, Französisch und Deutsch verwendet werden, damit die Blätter von jedem Ägyptologen gelesen werden können. Zentralstelle ist das Pelizäus-Museum Hildesheim, wo jetzt schon zwei Halbtags- und zwei Ganztagskräfte nur für dieses Unternehmen arbeiten. Dort werden auch ägyptische Fachkräfte jeweils sechs Wochen lang für diese Arbeit ausgebildet. Wenn etwas an diesem Unternehmen problematisch ist, so nur die Finanzierung. In der Bundesrepublik hat zunächst einmal die Stiftung Volkswagenwerk die erforderlichen Mittel für fünf Jahre bereitgestellt. Angestrebt wird, daß in aller Welt die UNESCO die Kosten trägt, und Eggebrechts Präsentation des Erstrebten und bereits Geleisteten auf dem Moskauer-Leningrader-ICOM-Kongreß soll bewirken, daß das CAA in das ICOM-UNESCO-Programm aufgenommen wird (bis jetzt unterhält die UNESCO noch nicht einmal eine eigene Sektion Ägyptologie!). Erfreulich ist, daß die Wissenschaftler aller Nationen und aller Gesellschaftssysteme sich über die Wichtigkeit dieses Vorhabens einig sind und einander unterstützen. Die Vollendung ihres Vorhabens wird freilich keiner von ihnen erleben, denn bei der Vielzahl der zu katalogisierenden Objekte werden wohl Generationen noch Arbeit genug haben. Was nahezu fünf Jahrtausende geschaffen haben, kann ein Jahrhundert nicht registrieren.

Eckart Kleßmann