Die Realismenvielfalt in der Jugendliteratur stellt der in der allgemeinen Literatur um nichts nach. Dabei gerät Realismus oft in Spannung zur Unterhaltungsabsicht, und es gilt jeweils sorgfältig zu prüfen, wo der Realismus der Erkenntnis von Zusammenhängen und Hintergründen dient, wo nur einem – im Prinzip allerdings legitimen – Spannungsreiz. Vergleicht man darüber hinaus Bücher diesseits und jenseits der westöstlichen Demarkationslinie miteinander, wird die Beurteilbarkeit weiter erschwert, denn beurteilen kann man immer nur von einem Standort aus.

Die Frage, welche Einsichten die drastische Vermittlung aggressiven Jugendverhaltens in

Susan E. Hinton: "Kampffische", aus dem Amerikanischen von Hans-Georg Noack; Signal-Verlag, Baden-Baden; 80 S., 11,80 DM

nahelegt, ist nicht leicht zu beantworten. Ein Stichwort gibt da der Vorspann, wo über den "Schleierkampffisch" aus Smoliks rororo-Tierlexikon zitiert wird: Aggression, heißt es, sei eine "natürliche" Mitgift des Menschen.

In der amerikanischen Slumgeschichte geht, es um einen 19jährigen namens Rusty James, der fünf Jahre im Knast war und sich anläßlich der Wiederbegegnung mit einem, der damals dabei war, erinnert.

Rusty lebt in einer zerrütteten Familie und auch sonst in "gammliger Umgebung". Die Mutter ist fortgelaufen, der Vater zum Trinker herabgekommen. Als Vaterersatz und Vorbild fungiert der ältere Bruder, genannt Motoboy. Zielloses Herumgammeln, brutale Gang-Prügeleien, Überfälle "nur so", Diebstähle, Ängste sind der Lebensinhalt der jungen Leute.

Das ist spannend und psychologisch durchaus glaubwürdig erzählt, man versteht Rusty in seiner aggressiven Hilflosigkeit und seinem unbefriedigten Identifikationsbedürfnis, die Überhöhung der Vorgänge durch das Kampffisch-Symbol zum Milieurealismus hingegen will nicht recht passen, so daß die Analyse ein bißchen im Psychologischen steckenbleibt.