Auf dem Bonner Münsterplatz dekorierten Botanik-Studenten und Blumenbinder-Lehrlinge das Denkmal des großen Sohnes dieser Stadt ebenso farbenprächtig wie kunstvoll wie kitschig mit Gebinden und Gestecken in der Manier des 19. Jahrhunderts. Der Oberbürgermeister legte einen Kranz am Grab der Mutter des Gefeierten nieder, Blasmusiken in historischen Kostümen konzertierten vor dem Geburtshaus, und Zigtausende gaben sich euphorisch, indem sie unter freiem Himmel in die Hymne an die Freude einfielen.

In Berlin, wo Hanns Eisler schon vor fünfzig Jahren zum 100. Todestag über eben jenen Ludwig van Beethoven hatte feststellen müssen: "Er war kein Komponist des Proletariats", aber trotzdem postuliert hatte: "Seine Musik gehört uns, der aufsteigenden Arbeiterklasse", in Berlin, Hauptstadt der DDR, behauptete jetzt Ministerpräsident Willi Stoph, diese "überragende Persönlichkeit unseres Volkes" füge sich mit ihrem Freiheitsgedanken "voller Harmonie in die Bestrebungen unserer sozialistischen Länder ein, sich im Kampf für einen dauerhaften Frieden mit den Menschen guten Willens in aller Welt brüderlich zu vereinen".

In der Pekinger "Kulturhalle des Volkes" schließlich rehabilitierte das Zentralorchester den während der Kulturrevolution der sechziger Jahre als "dekadenten Bourgeois" abqualifizierten Beethoven mit der Aufführung der Fünften Symphonie, und der Dirigent, ein gewisser Li Te-lun, hat – zu unserer Ehre und Genugtuung muß es gesagt sein – früher einmal in Deutschland studiert.

Wir haben ihn also würdig begangen, den 150. Todestag Ludwig van Beethovens, haben den zumindest an diesem vergangenen Sonnabend größten deutschen Komponisten gebührend geehrt. Merkwürdig nur, daß ein Beethoven (und nicht nur er) plötzlich interessant ist, weil er einhundertfünfzig Jahre zuvor (am 26. 3. 1827) starb. Interessanter als gestern, als Präsidenten es noch nicht nötig hatten, das Geburtshaus zu besuchen, Minister und Staatssekretäre sich Festreden von ihren Referenten formulieren lassen und Streichquartett-Besucher vor der Frage passen mußten, wieviel Klaviersonaten der Komponist denn wohl hinterlassen habe. Interessanter als gestern, wo zwar die Konzerte mit seiner Musik immer gut besucht und Schallplatten mit seinen Hits sich sehr gut verkauften – wo aber nur drei Prozent von befragten Schülern aller Altersstufen ein Stück von ihm kannten und ganze 0,8 Prozent sich im Unterricht intensiver damit beschäftigen wollten.

Interessanter auch als morgen, wenn Beethoven wieder nur den Bruchteil des Bekanntheitsgrades eines Peter Alexander oder einer Vicky Leandros erreichen wird, wenn selbst der "Fidelio" oder die "Mondscheinsonate" hinter "Dalli-Dalli" oder dem "großen Preis" hoffnungslos abgeschlagen landen, wo die "Fünfte" allenfalls zu nachtschlafender Stunde auf den Bildschirm kommt und dies auch nur, wenn über siebzig Prozent der Bilder das introvertierte Antlitz des Herbert von Karajan zeigen.

Vor sieben Jahren erst gab es beim großen Beethoven-Bicentennial (geb. 16. 12. 1770) in Ost und West ein umfangreiches Forschungs- und Editionsprogramm. Die damaligen Veröffentlichungen waren sicherlich gewichtig, die Erkenntnisse wie die Spekulationen wichtig. Der eigentliche Gegenstand der Untersuchungen, die Musik Beethovens, aber blieb in ihrem vergoldeten Käfig eines nur dem Bildungsbürgertum zugänglichen und vertrauten Musik-Kultes. Die Musik der Hitparaden und der "Wie es euch gefällt"-Sendungen, das Repertoire der Mitschnitte auf den Kassettenrecordern und die Geräuschkulissen in der Lufthansa-Maschine oder im Hotelfoyer ist um keinen Deut anspruchsvoller geworden, und der Musikunterricht bleibt in den bundesrepublikanischen Schulen eine quantité négligeable wie eh und je.

Er hat schon damals gewußt, daß er uns eigentlich gar nicht interessiert. "Ich schreibe nicht für die Menge – ich schreibe nur für die Gebildeten!" Und nicht nur Hanns Eislers Arbeiterklasse hat den Aufstieg dorthin bislang noch nicht geschafft. Heinz Josef Herbort