Von Lothar Ruehl

Brüssel, im März

Ein gutes Jahr nach Henry Kissingers letztem gescheiterten Versuch, russische Zugeständnisse für einen Kompromiß über das zweite Abkommen zur Begrenzung strategischer Kernwaffenrüstungen (SALT) herauszuschlagen, versucht die Carter-Administration die festgefahrenen Verhandlungen über den toten Punkt zu schieben. In Brüssel gab Außenminister Cyrus Vance während einer Zwischenlandung auf dem Flug nach Moskau, wo er in dieser Woche mit den Sowjetführern verhandelt, den Nato-Partnern im Ständigen Rat eine summarische Auskunft über die amerikanischen Vorschläge. Carter hat den breit aufgeschlagenen Fächer der möglichen Vorschläge an die Russen auf eine Alternative eingeengt.

Erste Möglichkeit: Ein umfassendes Abkommen, das auch die sowjetischen Langstrecken-Kampfflugzeuge Tupolew mit interkontinentaler Reichweite bei Luftbetankung, die von der Nato "Backfire" genannt werden, und die neuen amerikanischen Marschflugkörper größerer Reichweite und strategischer Einsatzfähigkeit, die "Cruise Missiles", einschließt.

Zweite Möglichkeit: Ein begrenztes Abkommen, das nur die im November 1974 zwischen Ford und Breschnjew in Wladiwostok ausdrücklich genannten strategischen Angriffswaffen der Zahl nach begrenzt, aber die umstrittenen neuen Systeme und Techniken ausklammert und einer späteren Verhandlung überläßt.

Cyrus Vance trug für die erste Alternative in Moskau eine wesentliche Zusatzbedingung vor: Wenn die "Cruise Missiles" in das nächste Abkommen eingeschlossen werden sollten, müßten nicht nur die interkontinentalen "Backfire"-Bomber gleichfalls eingeschlossen werden, sondern auch die im Plafond von Wladiwostok festgesetzten Höchststärken "tief gesenkt" werden.

In Wladiwostok hatten der amerikanische Präsident und Breschnjew die Parität für strategische, Angriffsträger bei je 2400 vereinbart. Unter diesen Waffen dürfen bis zu 1320 Raketen mit MIRV-Spitzen für einen Mehrfachangriff auf verschiedene Bodenziele sein.