Von Eberhard Pilz

Jerusalem, im März

Die Gala-Premiere im Kino in Tel Aviv glich einem Staatsakt: Präsident Kazir kam, Premierminister Rabin, Golda Meïr und Moshe Dayan. Dieser dritte Entebbe-Film ist zwar im Wettlauf mit der amerikanischen Konkurrenz zu spät fertig geworden – zum Endspurt im israelischen Wahlkampf kommt er den Politikern gerade recht. Er läuft jetzt in jeder größeren Stadt Israels, und Abend für Abend müssen viele enttäuscht nach Hause gehen, weil die Vorstellungen ausverkauft sind.

„Operation Thunderbolt ist so gut oder so schlecht wie die Masse eilig produzierter Action-Filme. Diesmal haben die Beteiligten von damals mitgewirkt: Die Geiseln haben ihre Erinnerungen beigetragen, die Armee läßt den Angriff noch einmal schulmäßig ablaufen. Auch die Spitzenpolitiker fanden nichts dabei, sich als stumme Statisten vermarkten zu lassen – eifersüchtig mit der Stoppuhr auf Ausgewogenheit bedacht. Mehr Gedanken freilich muß man sich über die politische Dimension dieses Streifens machen. Er ist ein Lehrstück über das, was es oft so schwer macht, mit Israelis über ihre Situation zu diskutieren: über den Umgang mit der Realität.

Was in Entebbe geschehen ist, ist nicht nur für den Judenstaat von Bedeutung, der einer Erpressung entging, sondern für die zionistische Ideologie. Denn die waghalsige Befreiung der Geiseln ist eine Tat des „neuen“ Juden, den Israel geformt hat. Die Söhne, die es gewohnt sind, sich zu wehren, zu kämpfen, und die es heute schon nicht mehr begreifen können, wie kaum zwei Generationen vor ihnen die „Alten“ sich zu Millionen in die Vernichtung treiben ließen, ängstlich, resigniert, fatalistisch. Jonathan, der gefallene Kommandeur des Entebbe-Kommandos, sagt das im Film seinen Soldaten, als sie zum Abflug in die Herkules-Maschinen klettern: „Wir müssen es tun, weil niemand sonst auf der Welt für uns eintritt. Wir Juden müssen beweisen, daß wir uns überall und immer verteidigen.“

Doch um diese Botschaft auch für den letzten Betrachter unmißverständlich zu machen, gerät der Film emotional auf die schiefe Ebene. Die Tatsache, daß zwei Terroristen Deutsche gewesen sind, bietet Anlaß, ständig an die Vergangenheit, an die Schuld der Nazis zu erinnern. Von den Entführern werden allein diese Deutschen deutlich hervorgehoben; ihre arabischen Komplizen tauchen lediglich als Randfiguren auf. Nicht das Verbrechen allein macht diese beiden Gangster so hassenswert – daß sie Deutsche sind, ist die eigentliche Ungeheuerlichkeit. So wird unterschwellig der Terroranschlag als Fortsetzung der Judenverfolgung Hitlers dargestellt.

Natürlich erinnert die Selektion zwischen jüdischen und nichtjüdischen Gefangenen in Entebbe durch die beiden deutscher Terroristen fatal an die Rampen von Auschwitz. Nur wenn damit allein die emotionale Begründung für aktuelles Verhalten gegeben wird, wirkt es wie eine Flucht zurück, um der notwendigen Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten des Nahost-Konflikts auszuweichen. Der Film produziert damit erneut ein Klischee, in dem viele Bürger Israels gefangen sind.