Wenn Ironie töten könnte, wäre Staatspräsident Ceausescu inzwischen im Mausoleum zu besichtigen. Mit spitz zugeschliffener Feder hat der Doyen der rumänischen Literaturkritik, Ion Negoitescu, in einem offenen Brief an seinen Landsmann Paul Goma den Zustand des vollständigen geistigen Vakuums in Rumänien beschrieben: "Unsere literarische Presse liest sich wie das Protokoll einer endlosen Mammutsitzung, wo viel geredet wird, um nichts sagen zu müssen."

Doch die himmelschreiende Minderwertigkeit kritischer Auseinandersetzung, das schockierend niedrige Niveau der veröffentlichten Literatur ist dem grand old man Rumäniens – der seine geistige Unabhängigkeit mit Gefängnishaft und fast zwanzigjährigem Publikationsverbot bezahlen mußte – lediglich Indiz: "Wo einmal Phrasendrescherei und Heuchelei an die Stelle des aufrechten und allein dichterisch fruchtbaren Wortes getreten sind, wird auch das Grundwerkzeug der Literatur, die Sprache des täglichen Lebens und der Informationsübermittlung, bis zum Überdruß mit den Attributen des rhetorischen Stils aufgeputzt. Wer die Sprache vernichtet, indem er ihre natürliche Funktion stört, vernichtet das Grundwerkzeug, mit dessen Hilfe sich die Seele eines Volkes ausdrückt."

Dies ist nicht nur eine bittere literarische Analyse, es ist vielmehr ein Statement von politischer Brisanz. Am 3. März setzte Negoitescu seine Unterschrift unter den von Paul Goma initiierten Brief der rumänischen Bürgerrechtsbewegung an die Teilnehmerstaaten der bevorstehenden Belgrader KSZE-Konferenz.

F.J.R.