Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im März

Als im Juli 1959 der damalige amerikanische Vizepräsident Nixon kurz vor seinem geplanten Moskau-Besuch eine Woche des Gebetes für die "versklavten Völker hinter dem Eisernen Vorhang" arrangieren wollte, trompetete ihm Chruschtschow entgegen: "Frische Scheiße stinkt." Leonid Breschnjew hat den ersten Gipfeldialog seit Carters Amtsantritt zwar mit gewählteren Worten, aber ebenso unverblümt eröffnet. Dem amerikanischen Außenminister Vance sagte er am Montag dieser Woche im Kreml ins Gesicht, Moskau sähe in Washingtons Menschenrechtsoffensive eine Gefahr für das weitere Gedeihen der Entspannung. Eine fruchtbare Entwicklung der beiderseitigen Beziehungen sei angesichts einer solchen Einmischung nicht möglich.

Außenminister Gromyko stieß sogleich, beim ersten Mittagessen auf den regenverhangenen Leninbergen, mit seinem Trinkspruch nach. Jeder Versuch, die Prinzipien der Gleichheit und Nichteinmischung zu mißachten oder gar zu verletzen, müsse die bilateralen Beziehungen schwer schädigen. Die Regierungszeitung Iswestija ließ sich zur Ankunft von Vance über die gefährliche Verbindung von "Sonntagsethik" und "Alltagsdiplomatie" aus: Der Vietnamkrieg habe für die USA auch mit der Proklamation amerikanischer Werte begonnen, mit dem Engagement von Sonntagsmoralisten.

In der Bar des klassizistischen Spaso-Hauses, der memoiren-trächtigen Residenz des US-Botschafters, traf Vance noch am Abend des ersten Verhandlungstages mit den amerikanischen Journalisten zusammen – in bewußtem Gegensatz zu Kissingers Geheimdiplomatie. Doch in seinen Antworten zum Thema Menschenrechte zeigte er sich dem Diplomaten Kissinger näher als dem Idealisten Carter. Er reagierte kurzangebunden, fast ärgerlich und meinte zu den sowjetischen Breitseiten, damit sei nun die "Luft rein".

In der Tat war dieses Thema danach erst einmal von der Tagesordnung – es ist deshalb aber nicht aus dem Zentrum der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen gerückt. Als Quintessenz dieses ersten Gipfeldialoges schälte sich alsbald das Folgende heraus:

  • Die Sowjetunion ist stärker getroffen und verbittert durch Carters Menschenrechtsoffensive, als es manche Beobachter wahrhaben wollen. Eine tiefe Kluft ist aufgerissen.
  • Die Ausgangspositionen für ein neues Abkommen über die Begrenzung strategischer Waffen (Salt II) sind durch die von Vance unterbreiteten Vorschläge Carters weiter auseinandergerückt als zuvor.
  • Die Sowjetunion hat in der Nahostfrage ungewöhnliche Flexibilität erkennen lassen.
  • Trotz aller großen Gegensätze sprechen beide Seiten weiter davon, daß Fortschritte möglich sind. Die rapide Abkühlung des Klimas ist bisher nicht in jene Sachbereiche vorgedrungen, an denen beide Seiten brennendes Interesse haben.