Der Marsch geht nach links – kann Barre die Volksfront stoppen?

Von Theo Sommer

Manche Franzosen wollen dem protestantischen Europa, der Weberschen Arbeitsethik und der Achse Washington–Bonn den Rücken kehren und sich der Welt des Mittelmeers zuwenden, dem savoir-vivre, dem revolutionären Delirium des Südens. Andere beklagen, daß Frankreich so wenig Angelsächsisches hat, daß es ein Opfer der Gegenreform geworden ist, der "romanischen Malaise".

Paris, im März

In dem alten Büro des Generals de Gaulle hat sich Valéry Giscard d’Estaing nicht wohl gefühlt; Er ist einen Raum weitergezogen, in ein sonnendurchflutetes Eckzimmer des Elyseepalastes, das auf zwei Seiten den Blick in den alten Park freigibt. Es wirkt wie ein Salon von erlesener Gemütlichkeit, kaum wie eine Schaltzentrale der Macht. Die Gardeposten vor dem Portal, die Lakaien in den Vorzimmerfluchten, die beiden schwarzen Labradorhunde, die träge auf dem Teppich vor sich hindösen, alles verstärkt den Eindruck, daß hier ein republikanischer Monarch residiert, ein Herrschender, kein Regierender.

Hinter den Bäumen, hinter der hohen Parkmauer liegt Paris, lärmend, fordernd, aufsässig – eine Art feindliches Ausland seit voriger Woche, da Jacques Chirac, der Führer der Gaullisten und Giscards schärfster Rivale von rechts, als erster Bürgermeister, den die Stadt seit den Tagen der Kommune gehabt hat, ins Rathaus eingezogen ist. Jenseits von Paris aber, hinter den Wolkenkratzern der Stadt und den endlosen Mietshauswüsten in ihrem Weichbild, liegt das andere Frankreich – dem liberalen Aristokraten im Elysee noch ferner und feindseliger, jener Teil des Landes, der von Wahl zu Wahl beherzter für die sozialistisch-kommunistische Union der Linken stimmt, die bei den jüngsten Gemeindewahlen im ersten Wahlgang 52 Prozent der Stimmen auf sich vereinigt hat.

Ein Jahr vor der Neuwahl der Nationalversammlung muß sich der Präsident der Republik lauter quälende Fragen stellen. Wird sein Frankreich rot? Hat er es bald mit einem Premierminister der Linken zu tun? Wird er dann zur Unterwerfung unter das Bündnis zwischen dem Sozialistenführer Mitterrand und dem Kommunistenchef Marchais gezwungen, ein Präsident, der nur noch gelegentlich eine Chrysanthemenschau eröffnen darf, politisch jedoch bis zum Ende seines Septennats im Jahre 1981 eine "lahme Ente" ist? Treibt ihn die Linksallianz gar in die Abdankung? Oder läßt er sich auf einen zerstörerischen Verfassungskonflikt ein?