Von Hans Daiber

Vor sieben Monaten siebentausendfach auf den Markt geworfen, ist er jetzt nur noch fünfhundertmal da, der senffarbene Klotz von 39 X 20 X 12 Zentimetern Kantenlänge –

Heinrich Mann: "Werkauswahl in zehn Bänden", Bibliographie und einführender Essay von André Banuls; Claassen-Verlag, Düsseldorf, 1976; broschiert in Pappkassette, 178,–DM.

War’s ein Impuls? Gar ein Stein des Anstoßes? Es sieht nicht so aus, als habe irgendeine Auseinandersetzung begonnen. Eine Markterscheinung, nichts weiter. Der Kanon der Rezensenten war von vornherein klar: Man "brach" wieder einmal "Lanzen". "Ungehört und unbedankt – In der breiten Öffentlichkeit noch nicht durchgesetzt": So war der Hinweis auf die Heinrich-Mann-Kassette überschrieben, der Ende 1975 im "Börsenblatt des Buchhandels" erschienen ist. Und das blieb die Formel für das Echo in der Presse.

Dabei hätte diese Kassette durchaus der Revision dienen können, denn sie bewies, daß der "virtuose Erzähler" eine ganze Masse Papier sprühte. Der aufhaltsame Abstieg der Herzogin Assy zur Luxushure, das "ernste Leben" der Tagelöhnerstochter Marie Lehning, die "Jagd nach Liebe", die Leiden der Lola Gabriel "zwischen den Rassen" – das müssen nur noch Literaturhistoriker lesen. In der "Kleinen Stadt" blieb ich sogar stecken und griff zum Zeitraffer, einem Romanführer. Eine Unklarheit am Schluß kontrollierte, ich am Original – siehe da, der "Führer" hat das Buch auch nicht ordentlich gelesen. Schon gar das kolossale Panorama um "Henri Quatre" ist ein Appell ans Durchhaltevermögen; die Lockung, die von einzelnen scharf belichteten Szenen und eindrucksvollen Szenerien ausgeht, wird wohl kaum jemanden zum Totalkonsum dieser 1700 Seiten verführen.

Tauglichkeit als Lesefutter mag nicht entscheidend sein, obwohl es kein Fehler wäre, wenn "erzählerische" Werke auch solch niedere Ansprüche erfüllen würden. Aber die weitverbreitete Brüchigkeit, weil Personen und Situationen fortgerissen werden in unstimmige Effekte? Beim Marathon über 7000 Seiten fand ich die Faustregel, daß die Verwicklungen im bürgerlichen Milieu durchweg stilistisch sicherer dargeboten werden als die Ausflüge in die Welt der Aristokratie und der Arbeiter. Kenner zitieren literarische Ahnen, entdecken in der spröden Ute inmitten der "Jagd nach Liebe" die Schwester Carla und im "Ernsten Leben" den Einfluß Nelly Kroegers. Sie erkennen im "Atem" Heinrich Mann in Nizza, getarnt als alte Dame, und deuten die gefühlskalte Schwester als letzten Tadel an Bruder Thomas. Sie ziehen Querverbindungen zu Damen und Dramen angesichts der vielen Schauspielerinnen, welche die Romane bevölkern, und loben die Virtuosität, mit der Episches in Dialoge umgesetzt worden ist. Stilkundler goutieren die Theatralik als Expressionismus oder als literarischen Jugendstil (was immer das auch sei), aber wir schlichten Leser ...?

Die Auswahl zeigt Heinrich Mann nicht von seiner besten Seite. Daß ein Praeceptor Germaniae diese Bücher geschrieben hat, scheint unvorstellbar. Ein Bourgeois, der die Persönlichkeit nach oben verteidigte, gegen die Aristokratie, und nach unten, gegen den Sozialismus, und der am bösesten wird, wenn die Bourgeoisie entartet, weil er sich ihr zugehörig fühlt. Aber wen schert’s? Kassetten verschwinden bei den Sammlern. Die würden freilich nun auch gern die politische Prosa kassettiert kriegen. Nüchterne Leser würden aber auch dort viel Weltfremdheit entdecken, Idee-alismus sozusagen, speziell in dem oft vermißten Resümee. "Ein Zeitalter wird besichtigt" (inzwischen ein Rowohlt-Taschenbuch). Das dort enthaltene Lob der Sowjetunion, speziell Stalins, erklärt Walter Mehring mit der sowjetischen Unterstützung, die Heinrich Mann damals erhielt.