Alfred Anderseits Reportagen, Aufsätze, Reden

Von Heinrich Böll

Die Vielzahl der von Andersch nicht etwa bloß beschriebenen, sondern mit dem Ausdrucksmittel Sprache "angegangenen" Länder, Autoren, zeit- und kunstgeschichtlichen Gegenstände ergibt sich nicht nur aus den Titeln der hier publizierten Aufsätze, einer Rede und einem öffentlichen Brief – in jedem einzelnen Beitrag ergeben sich wieder zahlreiche Hinweise, Rückverweise, Verklammerungen: politische, ästhetische, geschichtliche.

Alfred Andersch: "öffentlicher Brief an einen sowjetischen Schriftsteller, das Überholte betreffend – Reportagen und Aufsätze"; detebe I/XIII, Diogenes Verlag, Zürich, 1977; 215 S., 7,80 DM.

Ich weiß nicht, ob man Besseres über einen Autor sagen kann, als – daß er ein Autor, ist (wie eine Rose ja eine Rose ist, und es gibt eine Vielzahl von Rosen!). Andersch ist einer, und er schreibt und spricht auch ausführlich über Autoren, etwa den Autor Ernst Jünger, schreibt mit ausdrücklicher und ausgedrückter Bewunderung über Peter Weiss’ "Ästhetik des Widerstands", ein hierzulande zu wenig beachtetes, fast vernachlässigtes Werk, das doch wahrscheinlich in bewußter Wendung gegen gewisse Tendenzen der Kunstfeindlichkeit (und mit Verständnis für diese) die wahre, die einzig notwendige "Tendenzwende" hätte einleiten können. (Die Tendenzwende, die man uns angeboten hat, war ja Opportunisten wende; sie war eine Art Fliegenfänger, bestrichen mit Honig schlechter Qualität für orientierungsschwache Mitläufer.)

"Ein Mensch namens Genscher"

Es schreibt also ein Autor über Länder, die er gesehen, Bücher, die er gelesen, über Maler, deren Werke er eingehend betrachtet hat, und er schreibt "sinnlich", (die Anführungsstriche gelten nicht dem Wort, nur seiner modischen Verwendung), und siehe da: Mexiko tut sich auf, Spanien, Portugal. Was einer über sie gewußt haben mag, bekommt eine neue Dimension, so wie sich einst in Anderschs früheren Publikationen (die er gemeinsam mit Gisela Andersch unternahm) der Norden Europas auftat. Die Reisen von Gisela und Alfred A haben immer etwas von Expeditionen: Was Vorbereitung, Ausführung und Ergebnis betrifft. Neues wird entdeckt, wird "zu Sprache" und "zur Sprache" gebracht (und bei Gisela A zum Bild). Der Autor Andersch vergibt sich nichts, wenn er zum Reiseführer wird. Er ist nicht von vornherein auf eine versnobte Weise gegen Touristen, er "führt" sie, indem er sie auch warnt vor dem bloß Touristischen, das flüchtig und blind in Elemente und mörderische Landschaften hineintappen kann.