Der gute Mensch von Delhi

Von Gabriele Venzky

Es war nicht gerade ein erhebendes Schauspiel, das die alten Männer von Delhi den Indern nach ihrem Wahlsieg lieferten: Sie stritten sich, sie maulten und ließen ihrem Egoismus freien Lauf. Ja, es schien, als legten sie es geradezu darauf an, jenen Zynikern recht zu geben, die gleich nach der vernichtenden Wahlniederlage der Kongreßpartei prophezeit hatten: Wartet nur, es wird gar nicht lange dauern und die Leute, die eben noch Indira Gandhi und ihre machtlüsterne Umgebung geschaßt haben, werden die gleiche Indira Gandhi als Integrationsfigur wieder herbeiwünschen.

Sie haben keine gute Figur gemacht – jene drei Männer, die versprochen hatten, Indien auf andere Weise zu dienen, nämlich mit der Weisheit des Alters:

der 74jährige Jayaprakash Narayan nicht, ein von seinen Anhängern wie ein Heiliger verehrter Apostel der Opposition – weil er sich über die eben noch vielbeschworenen demokratischen Prinzipien hinwegsetzte und ohne Absprache mit der siegreichen "Janata/Kongreß-für-die-Demokratie-Front" Morarji Desai zum neuen Premier bestimmte;

der 68jährige Jagjivan Ram nicht, Indira Gandhis einst getreuester Palladin, der mit seinem spektakulären Übertritt zur Oppositions-Koalition erst deren Wahlsieg möglich gemacht hatte – weil er bereit war, diese Koalition wieder zu verlassen, nachdem sich herausgestellt hatte, daß er weder Nummer eins noch Nummer zwei in der neuen Regierung werden würde;

schließlich auch Morarji Desai nicht, der neue 81 Jahre alte Premier – weil er mit aller Hast den Schiedsspruch Jayaprakash Narayans akzeptierte, wohl ahnend, daß sich seine Parteigenossen eher für Jagjivan Ram entscheiden könnten.

Solche Hinterlist scheint allerdings schlecht zu einem Mann zu passen, der von sich selber sagt, er habe nicht nach der Macht gestrebt, er sei lediglich ein Werkzeug Gottes. Doch hinter dieser Behauptung verbirgt sich die andere Seite des unbestreitbar prinzipienstarken Moralisten, der sich nach drei vergeblichen Anläufen nun anschickt, Indien mit gerechter Strenge wieder auf den richtigen Pfad Gandhischer Tugenden zu führen: Morarji Desai ist seit eh und je der Meinung, daß es keinen bessern gibt als ihn selber.

Der gute Mensch von Delhi

So betrachtet er sich denn auch weniger als ein Jünger denn als ein Weg- und Zeitgenosse des großen Mahatma, der durch eigene Anstrengung zu gleichen Erkenntnissen gelangt ist. Und wenn er Gandhi bewundert: "Die Quelle seiner Kraft war sein religiöser Glaube. Dieser Glaube war die persönliche Begegnung mit dem Göttlichen. Tugend und Disziplin haben seine Natur umgeformt und ihn zu dem gemacht, was er war. Seine moralische Integrität ermöglichte ihm, alle inneren und äußeren Konflikte zu überwinden" – wenn er so spricht, dann spricht Morarji Desai gleichsam von sich selber.

Disziplin, Glaube, moralische Integrität – und die Gerissenheit eines Mannes, der sich seit 60 Jahren in allen Niederungen der Politik herumgeschlagen hat: beide widersprüchliche Seiten charakterisieren den neuen Premierminister Indiens. "Vervollkommnung" ist ihm als Brahmanen oberstes Ziel, für sich und für die anderen. Darum, und noch einmal zitiert er Gandhi, denn nur ungern spricht er über eigene Erkenntnisse mit eigenen Worten, beruft sich lieber auf mystische Überlieferungen und die Aussprüche des großen Vorgängers: "Das Endziel des Menschen ist die Schau Gottes. Daher sollen alle Aktivitäten, seien sie politisch, sozial oder religiös, auf dieses Endziel, die Vision Gottes, ausgerichtet sein."

Ein guter Mensch also, der sich aufgemacht hat, einen am Abgrund dahintaumelnden Kontinent zu retten? Gewiß auch das. Aber der starre, unnahbare, Minderwertigkeitsgefühle einflößende "Morarji" von einst hat sich gewandelt. Er ist menschlicher geworden. Früher zollte man ihm allenfalls verschreckt Respekt. Nicht von ungefähr wurde nicht er nach dem Tode Nehrus an die Spitze des Staates gestellt, sondern Lal Bahadur Shastri und dann zweimal Indira Gandhi.

Heute sind manche seiner Anhänger bereit, ihm über die Verehrung hinaus sogar eine Art von Liebe entgegenzubringen. Morarji Desai hat in den 18 Monaten, die er auf Geheiß Indira Gandhis im Gefängnis verbrachte, akzeptiert, daß er für seine Mitmenschen nur etwas bewirken kann, wenn er selber zumindest mit einem Bein auf der Erde steht.

Kein Wunder, daß sein Haus – einer dieser altmodischen, weitläufigen Bungalows im indischen Kolonialstil, die die Regierung ihm als verdienten ehemaligen Minister zur Verfügung gestellt hatte – in den Tagen vor und unmittelbar nach der Wahl zu einem Mekka all derer wurde, die von einem Indien der alten Werte, der menschlichen Würde, der Freiheit und Unabhängigkeit träumten. Und der alte Mann, erholt und ausgeglichen aus dem Gefängnis zurück, genoß es sichtlich, nicht nur eine sehr wichtige Persönlichkeit zu sein, wie bisher in seinem Leben, sondern als Führer der Janata-Opposition der wichtigste Mann Indiens.

Gewiß, dieser Asket, der jeden Morgen um vier Uhr aufsteht, der sich nur vegetarisch ernährt, nicht raucht und den Alkohol in Indien verbieten möchte, der seit 1925 sexuell abstinent lebt, der selbst auf Wahlreisen nicht darauf verzichtet, mindestens eine Stunde am Tag wie Gandhi am Spinnrad zu verbringen, der nur handgesponnenen Khadi trägt, freilich von der feinsten Qualität, ist kaum der Repräsentant eines modernen Indien. Denn weder ist er jung und unverbraucht, noch flexibel und modern. Aber kraft seiner moralischen Autorität ist er wohl als einziger in der Lage, bis zur Übergabe der Macht an einen Jüngeren, den buntgescheckten Haufen der Oppositionsparteien zu einem wirksamen Gegengewicht zur Kongreßpartei zusammenzuschweißen und damit die Voraussetzungen für eine funktionierende Demokratie in Indien zu schaffen.

Ob er dazu die nötige physische Kraft hat, muß sich zeigen. Denn das in Indien altbekannte schamlose Spiel um die Macht hat unter den neuen Mächtigen bereits begonnen, und Morarji Desai hat selber schon kräftig mitgemischt. Doch nicht nur innerparteiliches Gezänk gilt es beizulegen. Es muß auch regiert werden, es muß praktisch verwirklicht werden, was theoretisch versprochen wurde.

Der gute Mensch von Delhi

Der neue indische Premier will sich von dem blinden Fleck befreien, der sich auf das Auge seiner Vorgängerin gelegt hatte. In Zukunft werde Indien wirklich blockfrei sein, kündigte er an: keine Präferenz für irgendeine Großmacht. Indien wird also auf kritische Distanz gegenüber der Sowjetunion gehen, sowohl ideologisch als auch politisch – was sich auf die Aktivitäten Moskaus im Indischen Ozean, in Süd- und Südostasien auswirken wird. Zugleich zeichnet sich damit eine Wiederannäherung an den Westen ab, vor allem an die Vereinigten Staaten, aber auch an den bisher gemeinsamen indisch-sowjetischen Feind, China. Eine Neuorientierung auf westliche Technologie (wohl auch Waffensysteme) hin ist durchaus denkbar.

Der Sieg Morarji Desais in Indien hat nicht nur das eingefahrene Machtgefüge im eigenen Land aus den Angeln gehoben, er hat auch weltpolitisch das Gleichgewicht der Kräfte verändert. Der Kreml wird dies nicht so einfach hinnehmen. Allerdings hat Morarji Desai lange genug bewiesen, daß er sich nicht unter Druck setzen läßt.

So nimmt denn die Außenpolitik in der Rangliste der neuen indischen Regierung nur einen der hinteren Plätze ein. Priorität hat die Innenpolitik – all das, was hierzulande unter das Stichwort "Soziale Gerechtigkeit" fallen würde: Bodenreform (das drängendste Problem von allen, an dem sich die Kongreßpartei 30 Jahre lang vorbeigemogelt hat); Verwirklichung des Rechts auf Arbeit für jedermann; Beseitigung der Armut innerhalb von zehn Jahren; Bekämpfung des Analphabetentums. Der Schwerpunkt soll auf die Entwicklung der Landwirtschaft gelegt werden, auf den Ausbau der ländlichen Klein- und Kleinstindustrie, damit viele Arbeitskräfte beschäftigt werden können. Auch das gebietet die Lehre Gandhis.

Die einzigen wahren Erben dieses Mannes zu sein, beanspruchen Morarji Desai und seine Anhänger. Bleibt nur zu hoffen, daß sie dabei im Auge behalten, daß die Welt nicht stehen geblieben ist. Seit der Ermordung des Mahatma sind beinahe dreißig Jahre vergangen.