So betrachtet er sich denn auch weniger als ein Jünger denn als ein Weg- und Zeitgenosse des großen Mahatma, der durch eigene Anstrengung zu gleichen Erkenntnissen gelangt ist. Und wenn er Gandhi bewundert: "Die Quelle seiner Kraft war sein religiöser Glaube. Dieser Glaube war die persönliche Begegnung mit dem Göttlichen. Tugend und Disziplin haben seine Natur umgeformt und ihn zu dem gemacht, was er war. Seine moralische Integrität ermöglichte ihm, alle inneren und äußeren Konflikte zu überwinden" – wenn er so spricht, dann spricht Morarji Desai gleichsam von sich selber.

Disziplin, Glaube, moralische Integrität – und die Gerissenheit eines Mannes, der sich seit 60 Jahren in allen Niederungen der Politik herumgeschlagen hat: beide widersprüchliche Seiten charakterisieren den neuen Premierminister Indiens. "Vervollkommnung" ist ihm als Brahmanen oberstes Ziel, für sich und für die anderen. Darum, und noch einmal zitiert er Gandhi, denn nur ungern spricht er über eigene Erkenntnisse mit eigenen Worten, beruft sich lieber auf mystische Überlieferungen und die Aussprüche des großen Vorgängers: "Das Endziel des Menschen ist die Schau Gottes. Daher sollen alle Aktivitäten, seien sie politisch, sozial oder religiös, auf dieses Endziel, die Vision Gottes, ausgerichtet sein."

Ein guter Mensch also, der sich aufgemacht hat, einen am Abgrund dahintaumelnden Kontinent zu retten? Gewiß auch das. Aber der starre, unnahbare, Minderwertigkeitsgefühle einflößende "Morarji" von einst hat sich gewandelt. Er ist menschlicher geworden. Früher zollte man ihm allenfalls verschreckt Respekt. Nicht von ungefähr wurde nicht er nach dem Tode Nehrus an die Spitze des Staates gestellt, sondern Lal Bahadur Shastri und dann zweimal Indira Gandhi.

Heute sind manche seiner Anhänger bereit, ihm über die Verehrung hinaus sogar eine Art von Liebe entgegenzubringen. Morarji Desai hat in den 18 Monaten, die er auf Geheiß Indira Gandhis im Gefängnis verbrachte, akzeptiert, daß er für seine Mitmenschen nur etwas bewirken kann, wenn er selber zumindest mit einem Bein auf der Erde steht.

Kein Wunder, daß sein Haus – einer dieser altmodischen, weitläufigen Bungalows im indischen Kolonialstil, die die Regierung ihm als verdienten ehemaligen Minister zur Verfügung gestellt hatte – in den Tagen vor und unmittelbar nach der Wahl zu einem Mekka all derer wurde, die von einem Indien der alten Werte, der menschlichen Würde, der Freiheit und Unabhängigkeit träumten. Und der alte Mann, erholt und ausgeglichen aus dem Gefängnis zurück, genoß es sichtlich, nicht nur eine sehr wichtige Persönlichkeit zu sein, wie bisher in seinem Leben, sondern als Führer der Janata-Opposition der wichtigste Mann Indiens.

Gewiß, dieser Asket, der jeden Morgen um vier Uhr aufsteht, der sich nur vegetarisch ernährt, nicht raucht und den Alkohol in Indien verbieten möchte, der seit 1925 sexuell abstinent lebt, der selbst auf Wahlreisen nicht darauf verzichtet, mindestens eine Stunde am Tag wie Gandhi am Spinnrad zu verbringen, der nur handgesponnenen Khadi trägt, freilich von der feinsten Qualität, ist kaum der Repräsentant eines modernen Indien. Denn weder ist er jung und unverbraucht, noch flexibel und modern. Aber kraft seiner moralischen Autorität ist er wohl als einziger in der Lage, bis zur Übergabe der Macht an einen Jüngeren, den buntgescheckten Haufen der Oppositionsparteien zu einem wirksamen Gegengewicht zur Kongreßpartei zusammenzuschweißen und damit die Voraussetzungen für eine funktionierende Demokratie in Indien zu schaffen.

Ob er dazu die nötige physische Kraft hat, muß sich zeigen. Denn das in Indien altbekannte schamlose Spiel um die Macht hat unter den neuen Mächtigen bereits begonnen, und Morarji Desai hat selber schon kräftig mitgemischt. Doch nicht nur innerparteiliches Gezänk gilt es beizulegen. Es muß auch regiert werden, es muß praktisch verwirklicht werden, was theoretisch versprochen wurde.