Der neue indische Premier will sich von dem blinden Fleck befreien, der sich auf das Auge seiner Vorgängerin gelegt hatte. In Zukunft werde Indien wirklich blockfrei sein, kündigte er an: keine Präferenz für irgendeine Großmacht. Indien wird also auf kritische Distanz gegenüber der Sowjetunion gehen, sowohl ideologisch als auch politisch – was sich auf die Aktivitäten Moskaus im Indischen Ozean, in Süd- und Südostasien auswirken wird. Zugleich zeichnet sich damit eine Wiederannäherung an den Westen ab, vor allem an die Vereinigten Staaten, aber auch an den bisher gemeinsamen indisch-sowjetischen Feind, China. Eine Neuorientierung auf westliche Technologie (wohl auch Waffensysteme) hin ist durchaus denkbar.

Der Sieg Morarji Desais in Indien hat nicht nur das eingefahrene Machtgefüge im eigenen Land aus den Angeln gehoben, er hat auch weltpolitisch das Gleichgewicht der Kräfte verändert. Der Kreml wird dies nicht so einfach hinnehmen. Allerdings hat Morarji Desai lange genug bewiesen, daß er sich nicht unter Druck setzen läßt.

So nimmt denn die Außenpolitik in der Rangliste der neuen indischen Regierung nur einen der hinteren Plätze ein. Priorität hat die Innenpolitik – all das, was hierzulande unter das Stichwort "Soziale Gerechtigkeit" fallen würde: Bodenreform (das drängendste Problem von allen, an dem sich die Kongreßpartei 30 Jahre lang vorbeigemogelt hat); Verwirklichung des Rechts auf Arbeit für jedermann; Beseitigung der Armut innerhalb von zehn Jahren; Bekämpfung des Analphabetentums. Der Schwerpunkt soll auf die Entwicklung der Landwirtschaft gelegt werden, auf den Ausbau der ländlichen Klein- und Kleinstindustrie, damit viele Arbeitskräfte beschäftigt werden können. Auch das gebietet die Lehre Gandhis.

Die einzigen wahren Erben dieses Mannes zu sein, beanspruchen Morarji Desai und seine Anhänger. Bleibt nur zu hoffen, daß sie dabei im Auge behalten, daß die Welt nicht stehen geblieben ist. Seit der Ermordung des Mahatma sind beinahe dreißig Jahre vergangen.