Christos "seidiges glänzendes weißes Tuch" hat, noch lange bevor es – wenn überhaupt – über den Reichstag in Berlin geworfen wird, gewirkt: Das wilhelminische, von den Nazis angezündete, im Kriege zerstörte Bauwerk, von Paul Wallot nach langem Hin und Her in den neunziger Jahren errichtet, von dem Berliner Architekten Paul Baumgarten, (ohne Kuppel) wieder aufgebaut und modernisiert, ist plötzlich aus seinem verschlafenen Dasein als parlamentarischer Gelegenheitstagungsort gerissen. Als erste – und am lautesten – hätte die Bundestagsvizepräsidentin Lieselotte Funcke (FDP) gegen Christos Ansinnen protestiert, jetzt haben sich ihr Berliner Politiker in offenbar überraschend großer Zahl angeschlossen. Zwar fürchten sie nicht wie Frau Funcke eine Entweihung des nicht mehr so ganz "hohen Hauses", aber sie bestreiten die Notwendigkeit der (teuren) Christo-Aktion. Tatsächlich hat ihr Projekt alle Chancen, die Idee bulgarisch-amerikanischen Künstlers überflüssig zu machen.

Dabei ist ihre Idee nicht einmal neu, nur war sie – unter ähnlichen Argumenten, wie sie gegen Christos Projekt vorgebracht werden – aus politischen Gründen verdrängt worden. Sie geht zurück auf Professor Baumgarten, der schon gleich nach der Vollendung des Wiederaufbaus vorgeschlagen hatte, das politische Hickhack um die Hauptstadtrolle Berlins zu umgehen und die im Giebelfeld des Portikus vereinigte Widmung "Dem Deutschen Volke" wörtlich zu nehmen, also aus dem ruinierten Symbol deutscher Politik ein "Volkshaus" zu machen. Er wollte nur, daß es nicht (wie jetzt) zum Museum erstarrt ("ein Zeughaus genügt uns"), sondern daß es wahrhaftig benutzt wird, "meinetwegen auch von den Kaninchenzüchtern".

Senatsmitglieder, die sich erklärlicherweise zurückhalten, vor allem aber zahlreiche Abgeordnete (selbst der opponierenden CDU, darunter ihr Vorsitzender Peter Lorenz, der sich mit populären Attitüden sonst eher schwer tut) gehen jetzt noch weiter: Sie wollen, was die Hamburger in ihrer "Fabrik" inauguriert haben, im Reichstag nun "im Großstadtformat" inszenieren, eine Art Über-Fabrik, aber mit stärker betonter kultureller Pluralität.

Das räumliche Angebot dafür ist hervorragend. Der hinreißende, von Anfang an auf (politische) "Transparenz" hin geplante Plenarsaal gäbe einen Vielzweckraum für Sinfonie- und Popkonzerte, nicht zuletzt für Volksfeste und Volksbälle ab, wofür obendrein die vielen Räume daneben und darüber einbezogen werden; könnten und der Stadt einen seit den Tagen der abgerissenen "Thefi"-Säle im Kurfürstenstraßen-Viertel nicht mehr gekannte "Raum-Berglandschaft" einbrächten.

Was die Politiker, die sich Anfang nächster Woche genauer dazu erklären wollen, aber nicht zuletzt zu diesem Einfall ermutigt hat, ist der bevorstehende Umzug des Abgeordnetenhauses aus der hinreichend bekannten Enge des Schönberger Rathauses in die Kongreßhalle (von den Berlinern auch "schwangere Auster" genannt, übrigens das einzige gleich nach der Fertigstellung zum Baudenkmal erklärte Gebäude der Stadt). Aus der räumlichen Nachbarschaft von "Abgeordneten und Abordnenden", von Politikern und Bürgern, könnten sich in der Tat eine Menge Anregungen ergeben, zumal da der Platz der Republik, auf dem zu Ernst Reuters Zeiten oft halb Berlin zu politischen Freiheitsversammlungen und -Verbrüderungen zusammengeströmt war, nun wörtlich zum "Volksplatz" werden könnte, gleichermaßen genutzt für politische Veranstaltungen (neben dem dann neuen Abgeordnetenhaus) und für sommerliche Volksfeste, Märkte, internationale Begegnungen oder woodstockartige Freiluftveranstaltungen (neben dem dann neuen Volkshaus im Reichstag). Der prominent besetzte (ehrenamtliche) Planungsbeirat, der den Bausenator Harry Ristock regelmäßig berät, soll schon auf seiner nächsten Sitzung am 22. und 23. April mit detaillierten Planungen für das gesamte Terrain innerhalb des Spree-Bogens befaßt werden.

Seit der Bausenator und der Senatsbaudirektor Hans Müller in einer seit Januar laufenden, weiter, fortgesetzten Städtebaukampagne der "Berliner Morgenpost" arg zerzaust werden, wird ihnen der mutige Reichstags Vorschlag vermutlich lauten und verdienten Beifall eintragen. Man möchte hoffen, daß sie sich von Buhrufen nicht gleich werden umblasen lassen. Die Idee ist hinreißend genug – auch wenn die andere, an politischer Zaghaftigkeit scheiternde, womöglich noch besser wäre, nämlich: der Reichstag als das neue Berliner Abgeordnetenhaus. Warum sollten die Herren aus der Bonner Provinz ihre Gastrollen denn nicht ebensogut im Schöneberger Rathaus geben können? Es ist groß genug für sie, und sie,hören die Freiheitsglocke etwas deutlicher über sich, im Turm. Manfred Sack