Zwei Lebensberichte über Hitlers Abwehr-Admiral

Mit diesem Buch wird man nie fertig. Nicht, daß Höhne sich übernimmt, wenn er es unternimmt, auch alle jene "Innereien" Nazi-Deutschlands gleich mit zu sezieren, die sein Titelheld Canaris selber teilweise erst aus der Zeitung erfuhr oder an denen er jedenfalls unbeteiligt war – angefangen bei der Röhm-Mordnacht bis zur Blomberg-Entlassung, ja bis zu Staufenbergs Attentat. Nein, deshalb wird man niemals zu Ende kommen mit diesem überfüllten Werk – das nebenbei auch noch die Chronik der preußisch-deutschen Geheimdienste bis 1918 mitzuliefern den Ehrgeiz hat –, weil es, ganz unprogrammatisch und deshalb so nachhaltig, die immer noch landläufige Auffassung von Politik, nämlich eine zu idealistische, verwirft zugunsten der Erkenntnis, daß in Krisen und Kriegen Politiker und Soldaten rettungslos identisch werden mit Kriminellen!

Wer diesen "Canaris" gelesen hat, der wird niemals mehr verdrängen können, daß die Auffassung von Politik und Geschichte, wie sie sich bis ins letzte Kriegsjahr hinein etwa noch der Nestor der Geschichtsschreibung, Meinecke, zu bewahren versucht hat, zu idealistisch war, ganz weltfremd. Daß dagegen Geschichte doch bestätigt, was illusionsfreier als jeder andere Schopenhauer formulierte: "Kriminalgeschichte und Beschreibungen anarchischer Zustände muß man lesen, um zu erkennen, was, in moralischer Hinsicht, der Mensch eigentlich ist." Hier in diesem Buch erkennt man das auch.

In den Biographien der Gesindelhaften, und solche waren ja bislang zumeist die "Helden" der Bücher über Hitlers Epoche, war das nicht nachzuweisen. Dies ist erst möglich in einer so detailversessenen Lebensgeschichte wie der des von Natur so ehrenhaften Admirals, der als Hitlers Gegner ohne Gericht am Galgen ermordet wurde – der aber doch auch, und das erfährt man erst durch Höhne, so früh und in einem solchen Ausmaß in Hitlers Triumphe verwickelt war, daß auch die Alliierten ihn vermutlich aufgehängt, jedenfalls aber eingekerkert hätten.

Gewiß finden sich in dieser Zeit und ihrer Darstellung durch Höhne – auf deren Benutzung niemand mehr wird verzichten können, der je

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wieder über Hitler-Deutschland schreibt –, auch Kurzbiographien, Spuren und Taten von politisch höchst aktiven Weggenossen des Admirals, die dennoch mit einem moralisch unbefleckten Soldbuch in die Nachwelt abgingen. Dann starben sie aber entweder sehr früh, so Staufenberg; oder sie kündigten dem Braunauer so rechtzeitig ihre Mittäterschaft auf, daß sie nicht Werkzeug seiner Verbrechen wurden, so Ludwig Beck.