Die kleinen Weltverbesserer des Fußballs lassen nicht locker. Immer wieder fällt ihnen etwas Neues zur Regeländerung ein; und immer wieder lösen diese Reform vorschlage die heftigsten Diskussionen aus. Die jüngsten Vorschläge, dem Fußballspiel einige neue Regeln zu verpassen, kommen vom Präsidenten des Internationalen Fußball-Verbandes (FIFA), João Havelange. Der Mann aus Brasilien möchte eine "kurze Ecke", wie beim Hockey, einführen; er ist dafür, aus dem "Einwurf" einen "Einschuß" zu machen; und er plädiert für einen Platzverweis "auf Zeit", wie er etwa beim Eishockey und beim Hallenhandball üblich ist.

Sind die international gültigen Fußballregeln überhaupt reformbedürftig? Bundestrainer Helmut Schön sagt: "Der Fußball hat die bestmöglichen Regeln. Wer sie im Entscheidenden verändert, begibt sich in Gefahr, den Fußball kaputtzumachen." – Und Alt-Bundestrainer Sepp Herberger meint: "Das Fußballspiel ist in seinen heute gültigen Regeln und Maßen nicht konstruiert, sondern gewachsen. Es lassen Sich vielleicht noch einige Ecken abschleifen; aber wenn wir an das Fundament gehen, dann bringen wir den Fußball in Gefahr."

Hinter allen Reformvorschlägen steht immer wieder das Argument, der Fußball müsse offensiver werden, um die Gunst des werten Publikums nicht zu verlieren. Und dafür benötige man vor allem mehr Tore. Die "kurze Ecke" und der "Einschuß" des FIFA-Präsidenten zielen offensichtlich in diese Richtung. Daß ausgerechnet dem Lieblingskind der sportfreudigen Zuschauer unablässig das nahende Ende prophezeit wird, hat natürlich seinen Grund. Die im wesentlichen vom scharf kalkulierenden Management bestimmten Interessen des internationalen Fußballs unterliegen einer Logik, die besagt, daß der Fußball um so gesünder sei, je mehr Zuschauer er habe. Und in dieser Kalkulation beunruhigt die nicht zu leugnende Tatsache, daß Tore hier – im Gegensatz zum Eishockey oder Hallenhandball – Mangelware sind. Denn Zuschauer wollen Tore sehen.

So wurde unlängst von der nordamerikanischen Fußball-Liga tatsächlich ein Antrag eingebracht, nach dem die USA-Soccer mit größeren Toren zu experimentieren beabsichtigen, um zu mehr Toren zu kommen. Wer auf diesen Gedanken kommt, der könnte genausogut vorschlagen, den Ball zu verkleinern, das Spielfeld nach einer Seite hin abschüssig anzulegen und hinter den Toren Striptease-Tänzerinnen während des Spiels zu beschäftigen.

Seriöser, und um so gefährlicher, sind da schon die Vorschläge, die Abseitsregel im Fußball abzuschaffen. Und diese Vorschläge sind von durchaus ernst zu nehmenden Fußballexperten gekommen, wie vor Jahren von Helenio Herrera, dem berühmten Trainer von Internazionale Mailand. Auch aus England kamen später entsprechende Vorschläge, die Abseitsregel aufzuheben. Testspiele wurden veranstaltet; die Abseitsregel besteht – glücklicherweise – heute noch.

Das Fußballspiel selbst wehrte sich gegen eine derartig entscheidende Regeländerung. Es war falsch zu meinen, man brauchte nur den Torerfolg billiger zu machen, um das Spiel attraktiver zu gestalten. Das Gegenteil war wahr. Der •Versuch mißglückte. Aber über die Möglichkeiten; den Torerfolg billiger zu machen – die bescheidenen Vorschläge des FIFA-Präsidenten Joäo Havelange gehören immerhin auch dazu –, wird immer noch heftig gestritten.

Fußball ist ein Kampfspiel mit der Voraussetzung, daß beide Parteien es schwer haben. Das Publikum ist keineswegs bereit, das Angebot billiger Tore durch größere Anteilnahme zu honorieren. Im Gegenteil, Freundschaftsspiele, die ein Torflut-Resultat versprechen, sind keineswegs gefragt.