Utopie und Sisyphosarbeit: Wie kann man heute eine Autobiographie schreiben?

Ob die Jugend, von der dieses Buch erzählt, überhaupt eine war, ist die Frage. Vergeblich habe ich versucht, seine Hauptfigur mir vorzustellen inmitten der Spielsachen, die sie gehabt haben mag. Vergeblich habe ich gewartet auf eine eingeworfene Fensterscheibe, auf die erste Zigarette, auf nichtgemachte Schulaufgaben, auf die roten Haare der ersten Freundin, auf Tricks, mit denen es gelang, sich in Kino-Vorstellungen für Erwachsene einzuschmuggeln. Die Versatzstücke, Szenen und Verhaltensweisen, die man sich angewöhnt hat, mit Kindheit und Adoleszenz in Bezug zu setzen, weitgehend unabhängig von sozialer Herkunft und – weil wir in dieser Richtung eh etwas kurzsichtig geworden sind – auch historischer Situation, fehlen fast völlig in dem Buch von –

Elias Canetti: "Die gerettete Zunge – Geschichte einer Jugend"; Hanser Verlag, München, 1977; 384 S., 34,– DM.

Keinen Augenblick indes kommt man auf die Idee, der Autor versage uns solchen Stoff, aus dem post festum meist Idyllen werden, weil er ihn für trivial und sich selber für etwas Besonderes halte. Sicher ist, er hat all dies auch nicht gelebt. Womit sich denn gleich das Gerede erledigt, hier sei so etwas wie eine "exemplarische Kindheit" wiederzufinden; ein Gerede, das der Klappentext natürlich nicht umhin kann in Umlauf zu setzen und das bei der Vorliebe, in Biographien von Berühmtheiten ein wenig als Leser sich zu spiegeln, größte Aussichten hat, zum allgemeinen Gestammel zu werden. Genau das Gegenteil aber ist der Fall: inkommensurabel Gewordenes wird vorgeführt.

I

Es entsteht ein Panorama, das – vielleicht leider – nur noch der Vergangenheit angehört, ein spätes Modell der Zeit, in der Kind zu sein dasselbe bedeutete wie Erwachsensein im Kleinformat. Ein spätes Modell deshalb, weil es schon in den ersten Dezennien des 20. Jahrhunderts nur noch Ausnahme war. Mag sein, daß die Kinder Thomas Manns ähnliches erfahren haben, ich kann das nicht beurteilen. Bei Canetti jedoch ist nicht die Singularität des Vaters Bedingung für eine nicht geschehene Kindheit im üblichen Sinne, sondern vor aller Zufälligkeit der Familiengeschichte die Verankerung im sozialen Ort oder, etwas altmodisch ausgedrückt, im Milieu. Daß der siebenjährige Canetti fünf, Sprachen versteht, daß er zwei davon perfekt, eine weitere, Französisch, zur ihm grausam erscheinenden Erneuerung der Verwandtschaft nur mit stark englischem Akzent auch spricht, stempelt ihn nicht zum Wunderknaben. Dies Vermögen entspricht ziemlich exakt der praktischen Forderung nach Ubiquität, ohne die die Existenz der jüdischorthodoxen Spaniolen mit bulgarischem Stammsitz, türkischem Paß und gesamteuropäischen Handelsniederlassungen nur schwerlich denkbar gewesen wäre.

Mit bloß praktischen Erwägungen allerdings, nicht zu erklären ist das kulturelle Reizklima, in dem Canetti heranwächst, der soziale Ort jedoch auch dafür Fundament. Shulamith Firestone hat jüngst mit Bezug auf die amerikanischen Juden noch einmal darauf verwiesen, daß viele Knaben bereits vor dem fünften Lebensjahr ernsthaften Studien nachgehen; ein Befund, der ohne große Abstriche auf das sozio-kulturelle Umfeld der Spanien zu übertragen ist. Daß aus dem eifrigen Elias trotz einiger Bemühung des Großvaters Canetti kein "Wunder" an talmudistischer Gelehrsamkeit wird, sondern ein früher "Kenner" der europäischen Literatur, vorab des Dramas, dürfte ebenso auf die Opposition der Eltern gegen die Bevormundung durch das Familienoberhaupt wie auf die leidenschaftliche Besessenheit der Mutter für das Theater zurückzuführen sein: "Für Shakespeare so Canetti, "brachte sie die Inbrunst auf, die sie für ihren Glauben nie empfunden hatte."