II

Äußerste, bisweilen schmerzhafte Intensität, mit Merkmalen von Ausschließlichkeit: Man muß solch pathetische Formeln wählen, um das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn zu kennzeichnen. Canettis Vater stirbt früh, ein jäher Tod, Erklärungen nicht zugänglich. Die, die versucht werden, bewegen sich zwischen Mythos und schierem Dezisionismus. Der Fluch des Sippenoberhauptes über den sich aus Abhängigkeit befreienden Sohn, Eifersucht, Furcht, die Frau könne ihn während eines Kuraufenthaltes in Deutschland betrogen haben, schließlich die morgendliche Zeitungslektüre über den Ausbruch des Balkankriegs – auf dieser "Erklärung" beharrt Canetti selbst; alle Versionen des Warum behalten ihre Mächtigkeit, ohnmächtig zugleich im Angesicht des Nichtbegreifbaren. Am Todestag des Vaters, der zentralen Figur der ersten Jahre, endet einer der wenigen Versuche des kleinen Elias, ein Kind zu sein, ebenso kläglich wie brutal. "Mein Sohn, du spielst, und dein Vater ist tot! Du spielst, du spielst, und dein Vater ist tot! Dein Vater ist tot! Dein Vater ist tot! Du spielst, dein Vater ist tot!" Sie brüllt es auf die Straße hinaus, immer lauter. "Mit ihren Schreien ging der Tod des Vaters in mich ein und hat mich nie wieder verlassen."

Sie, deren wichtigste affektive Geste bislang im Läuten nach der Gouvernante bestanden hatte, tritt fortan in den Mittelpunkt von Canettis Leben, nicht jedoch an des Vaters unumstrittene Stelle. Gleichgültigkeit und Überdruß an der Qual, Mutter sein zu müssen, werden abgelöst von höchster, ambivalenter Nähe zum erstgeborenen Elias. Die beiden jüngeren Söhne, Nissim und Georg, bleiben Randfiguren dieser Beziehung, Randfiguren übrigens auch in Canettis Buch. Kaum jemand wird mit soviel Berechtigung wie er von sich sagen können, Deutsch sei seine "unter wahrhaftigen Schmerzen eingepflanzte Muttersprache" Sie bringt es ihm bei, in Lausanne, kurz vor der Übersiedlung nach Wien im Jahre 1913, den Terror, mit dem sie dies tut, "hielt sie für pädagogisch".

Das Wort, das Canetti im Buch am häufigsten zur Charakterisierung ihrer emotionalen Zuwendung gebraucht, heißt – Hohn, Sie wird es schließlich auch sein, die genug hat von seinem "Paradies in Zürich", sie, ganz zürnender Jahwe, wird ihn daraus vertreiben durch Worte und Taten. Indes: Canetti, derartigen Erfahrungen ausgesetzt zwischen dem neunten und siebzehnten Lebensjahr, zerbricht nicht an ihnen. Er wehrt sich, übt Rache. Seine Eifersucht, in einem Essay einmal als "meine private Spielform der Macht" bezeichnet, zwingt der gerade Dreißigjährigen das Leben einer Nonne auf.

Der Kampf aber, so sehr er die Fassade beiherrscht, ist nicht das Ganze dieser Beziehung. Gemeinsame Spaziergänge, abendliche Lektüre der Dramen Shakespeares und Schillers, die Gespräche darüber, überhaupt, der nie abbrechende Dialog zweier nahezu gleichrangiger Partner kommen hinzu, versöhnend. Ohne nennenswerten Gewinn bliebe es, die mythisch-archaische Aura, mit der Canetti das frühe Verhältnis von Mutter und Sohn umhüllt, mittels psychoanalytischem Vokabular aufschließen zu wollen. Viel eher bietet sich der Zöllner aus Brechts "Legende von der Entstehung des Buches Taoteking" als Vergleich an, die Rolle der Mutter in Canettis Leben annäherungsweise zu begreifen Was er geworden, hat sie ihm abverlangt.

Psychologisch aufschlußreich ist die Beziehung der beiden allerdings für einen zentralen Begriff in Canettis Denken, für das Problem der "Verwandlung". Wiederholt hat Canetti sein Unbehagen über Freuds Identifikationenlehre zum Ausdruck gebracht. Dem Versuch, diese durch eine Theorie der Verwandlung zu ersetzen, ist ein wichtiges Kapitel von "Masse und Macht" gewidmet, in Canettis Auffassung vom "Beruf des Dichters" wird die Aufgabe "Hüter der Verwandlungen" zu sein, als erste und wichtigste begriffen. Es ist verführerisch, die Wurzel dieser Bemühung in der Biographie zu suchen. "Als wären unsere Rollen vertauscht", notiert Canetti, als er – es geht um Gotthelfs "Schwarze Spinne" – zum Lehrer der Mutter wird. "Heute bin ich das Kind und du die Mutter" sagt sie, sich selbst beruhigend nach einem Nervenzusammenbruch im Kandersteger Ferien-Domizil. Das Über-Ich des Vaters: kann und will sie dem Kind nicht ersetzen, Canetti erfährt so Persönlichkeitsentwicklung nicht als Folge sich ablösender Identifikationsakte, die das Identifikationsobjekt unverändert lassen, sondern als Prozeß. ständigen, wechselseitigen Sich-Verwandelns in gleichberechtigter Interaktion.

III