Vergleichbares ließe sich über das gewaltige Lektürepensum sagen, das dieses "Kind" bewältigt. Die minuziöse Schilderung von Lese-Erlebnissen macht das Buch über die Geschichte einer Jugend auf weite Strecken zu einem Lehrstück darüber, was konkrete Geistesgeschichte sein könnte. Nicht jedoch um so zu leben, wie man liest, frißt der von seinen Mitschülern mit dem ehrenvoll-ironischen Spitznamen "Sokrates" Bedachte die Bücher in sich hinein, sondern um zu leben, indem man liest. "Jede. neue Erfahrung empfand ich physisch, als Gefühl körperlicher Erweiterung." Die Hochstimmung der letzten Zürcher Jahre, 1919 bis 1921, drückt nicht zuletzt in solch euphorischen Wendungen sich aus, mehr als fünfzig Jahre danach.

Es fällt mir schwer, einigermaßen Distanz zu halten zu den beiden Zürich gewidmeten Kapiteln. Und dies nicht nur, weil ich die Teile des "locus amoenus", den Canetti entstehen läßt, ein wenig kenne: das Außersihl, die Seilbahn auf den Zürichberg, die Rämistraße und den Weg nach Tiefenbrunnen. Es fällt auch schon deshalb nicht leicht, weil die Abschnitte über die Erfahrungen mit den Kantonsschullehrern, mit der Schule an sich und mit den Mitschülern zum Besten gehören, was man zu diesem Thema gelesen hat. Mit dieser Behauptung mag es sein Bewenden haben; es sei nur noch der Vorschlag angeführt, Canettis Passagen über die Zürcher Gymnasialzeit in die Lehrerausbildung einzubeziehen. Manchem Referendar dürften sie erheblich mehr nutzen als jede noch so methodische, bis zum Ermüden geführte Lernzieldebatte.

Ein Weiteres Thema: Die Faszination, die vom Ungeheuerlichen ausgeht, die Lust der Bedrohung, zugleich die Angst davor! Literarisch vermittelt erscheint dies in Canettis Autobiographie als Motivkette der Farbe Rot. Der erste Satz des Buches lautet: "Meine früheste Erinnerung ist in Rot getaucht Nicht nur sie, wie sich schnell erweist. Die Drohung des lächelnden Mannes im roten Treppenhaus ("Jetzt schneiden wir ihm die Zunge ab") findet ihre Fortsetzung in den roten Zungen der Märchenwölfe, in den roten Kleidern der Zigeuner, in den roten Äpfelchen des ersten Kinderliedes, im roten Maul der Hölle, als das die Einfahrt zur Wiener Geisterbahn sich erweist. Dicke, feiste, immer aber rote Gesichter tauchen auf. Der kleine Bruder läuft auf den Balkon, der rot untergehenden Sonne entgegen, läßt da rasch sein Wasser und erklärt, "er müsse die Sonne löschen". Es dürfte der Mühe wert sein, der Bedeutung der Farben in Canettis Werk einmal nachzugehen. Es scheint, als habe er, der immer wieder beklagt, weder zeichnen noch malen zu können, ihnen ein schriftlich-symbolisches Denkmal gesetzt.

In einem Gespräch mit Joachim Schinkel hat Canetti auf das Tabu hingewiesen, das für ihn zeit seines Lebens auf seinem Vornamen geruht habe, Folge des Namens-Tabus in der jüdischen Religion, vor allem aber Folge einer ernüchternden Begebenheit der ersten Jahre. Eine Welt stürzt ein, als man ihm zu verstehen gibt, daß keinesfalls er es sei, der als Elias im Feuerwagen zum Himmel werde auffahren können. Man ist erstaunt und etwas irritiert, in der Autobiographie kein Wort darüber zu finden. Radikalisierung eines Tabus oder aber: geglückte Heilung einer alten Wunde, so daß nichts mehr gesagt zu werden braucht?

IV "Die Welt ist nicht mehr so darzustellen wie in früheren Romanen Wenn dies stimmt – und daß es stimmt, hat nicht zuletzt Canetti in der "Blendung" bewiesen –, so ist die Frage anzuschließen, ob das eigene Leben sich noch so darstellen lasse wie in früheren Autobiographien. Ob den Täuschungsmanövern der Erinnerung nicht Rechnung getragen werden müßte durch eine Form des Erzählens, die die Fragwürdigkeit individueller Konstruktion von Kontinuität erkennbar werden ließe.

Canetti tut dies nicht, im Gegenteil: Selten habe ich einen Autor erlebt, der in so unerschütterter Seinsgewißheit mit seiner Vergangenheit umspringt. Ein einziges Mal auf 384 Seiten überkommen ihn Zweifel, inwieweit seiner Erinnerung zu trauen sei. Ansonsten beherrscht das apodiktische "So-war-es!" den Stil seiner Prosa, und mit ihm herrschen Indikativ und Superlativ. "Eine so folgenreiche Zeit hat es in meinem Leben nie wieder gegeben." – "Kein Lob ist mir je so teuer gewesen!" – "Niemals habe ich einen Dichter so gefürchtet wie damals Schnitzler Drei fast beliebige Beispiele, ähnliche Wendungen auf jeder zweiten Seite.

Die Autobiographie dieses Poeten ist auch, vielleicht sogar in erster Linie, eine poetische Autobiographie. Hinter ihrer, verfügenden Oberfläche, die dem jungen Elias Canetti bereits all die Probleme zudiktiert, die den späteren Schriftsteller ausmachen, verbirgt sich eine eminente Anstrengung, die zu kostbar erscheint, um sie der zweifelnden Suche nach der verlorenen Zeit auszusetzen: der utopische Versuch, die Identität von Leben und Werk als zustande gebrachte, verwirklichte zu beschwören. Eine Utopie, die Canetti als realiter eingelöste bei einem Autor gefunden hat, den er deshalb, für die "wesentlichste Manifestation" unseres Jahrhunderts hält: Kafka.